Die neue Reise auf der Beagle, auch: Curiepolis unter SJW-Beschuss

Seit ich anfang Juli die ersten, experimentellen Zeichensätze für den Mini-Demonstrator erstellte, scheinen mir mitnichten drei Monate vergangen zu sein — es kommt mir eher wie ein halbes Jahr vor oder sogar mehr. Wenn ich intensiv mit einer spannenden Aufgabe zugange bin, erfahre ich eine Art inverse Relativität: Der Zeitfluss wird beschleunigt. Curiepolis verdoppelt meine subjektive Lebenszeit. Auf psychologischer Ebene wirkt die transhumanistische SMI²LE-Formel also bereits.

In Wewelsfleth habe ich — als extrem wichtigem Zwischenschritt — den Mini-Demonstrator und die neue Curiepolis-Homepage kreiert, sowie ein Einführungsvideo und einen Essay zu meinem Konzept der ektropen Literatur — und nicht zuletzt den Rohtext weit über den Schluss des Mini-Demonstrators hinaus finalisiert: Ein solides Stück Handlung wartet darauf, mit Pinsel, Farbe und Processing veredelt zu werden.

In Wewelsfleth kam Curiepolis übrigens zum ersten Mal unter Social-Justice-Feuer.

Genaugenommen wurde mir schon einmal in Berlin, bei einer ORi-Textwerkstatt, greulicher Sexismus vorgeworfen. Es ging dabei um den Anfang des ersten in Bouzonville spielenden Kapitels:

[Landstreicher Pierre Leclerc sitzt im Wald und kommt zu dem Schluss, dass das Leben unter freiem Himmel nicht übel scheint, wenn man bedenkt, dass:]

Die Alternative wäre ein Schreibtisch und garstige Vorgesetzte und eine schimpfende Ehefrau, die immer unattraktiver wurde, aber dennoch unermüdlich Kinder nachzuproduzieren gedachte, und das surreale Gemenge der Pariser Verwaltungsbürokratie gewesen, und Eltern, die mit ihm ständig unzufrieden waren, obwohl er ein vierstelliges Monatsgehalt bezog.

Dies klang einer anwesenden Feministin übel in den Ohren: Wie bitte, schimpfende Ehefrau, die unermüdlich…?! Meine kurz zuvor geäußerte Anmerkung, es gebe eine gewisse Dame in G, von der ich mich gern bekochen ließe, war nicht dazu angetan gewesen, die echauffierte Soziologin zu besänftigen. Ich begnügte mich zuletzt damit, sie und einen ihr zur Hilfe gesprungenen Greis, der mich für mein mangelndes Schuldbewusstsein zu tadeln gedachte, mit ungerührter Herzlichkeit anzustrahlen und zu erwähnen, dass man mich mit gebratenen Forellen und Röstkartoffeln mit Speckwürfeln sehr glücklich machen könne.

Doch dies war nur ein kleines Scharmützel, die große Social-Justice-Feuertaufe ereignete sich aufs Stimmungsvollste in Wewelsfleth.

Anlass war diesmal nicht der Text, sondern meine Illustrationen, von denen ich einige im Treppenhaus des Döblin-Hauses aufgehängt hatte:

Girls-color-small.jpg

Von links: Zouzou Guermantes (am Teleskop), Dya Rienzi (lötet an der Steuerungselektronik und gibt einen Joint weiter an) Annika und Hikari, die zusammen „Zettel’s Traum“ lesen.

Als ich der feministischen Autorin S, die seit anfang September im Döblin-Haus wohnt, mithilfe meiner Bilder eine kleine Besichtigungstour durch das Curiepolis-Multiversum bot, bemerkte ich, dass sie bei einigen irritiert schnaubte: insbesondere obiges Gruppenbild und mein neues, großes Annika-Portrait, das die erste Innenseite des Mini-Demonstrators ziert, schienen geeignet, sie den Atem ausstoßen zu lassen.

Annika-portrait.jpg

Schilderungen der Fähigkeiten meiner Damen ließen das Schnaufen jedoch rasch in Staunen umschlagen. Vor allem, dass Dya als Philosophin sich auch ausgezeichnet mit naturwissenschaftlichen und technischen Belangen auskennt, da Curiepolitaner keine akademischen Nischenexperten, sondern rundum neugierige Genies sind, schien S tief zu beeindrucken.

Nichtsdestotrotz erkundigte sie sich einige Tage später mit ernster Miene, wie denn meine „sexistischen“ Illustrationen zu einem „progressiven“ Zukunftsstaat passen sollten?!

Lassen wir mal außen vor, dass Curiepolis nicht im Sinne der Social Justice Warriors progressiv ist, sondern in dem des Ektropismus: Abenteuer statt Safe Space! — es ist eine nette Übung für Zwischendurch, die Frage der Autorin… au, autsch!, ja, Dya, ich überlasse dir ja schon das Wort:

{Die will wissen: warum wir Curiepolitanerinnen eigentlich so wenig anhaben? Nu, diese Frage hört man ab und an, kein Preis für Originalität, aber lehrreiche Sache für all die, die sich einbilden, Klamotten und Philosophie seien völlig artfremde Themen, weil ersteres von aufgebrezelten Weibchen in Einkaufszentren, letztere von arbeitslosen, hageren Akademikern mit abenteuerlicher Frisur abgehandelt werde. Soso. Was, wenn abenteuerliche Weibchen mit aufgebrezelter Frisur an Bord des Forschungsuboots Lise Meitner das eine wie das andere zu erörtern wüssten, hm-hm?

Eure soziologische Linkshänderin oder gelinkte Sozialhändlerin oder Solo-just-tease-worriette oder wie auch immer ihr sie nennt, möge sich Folgendes vor Augen führen:

Die Linken — präziser: platonische Neutestamentarier — Europas und Nordamerikas hatten früher zuweilen Ideen, die in die richtige Richtung gingen (dabei blieb es bei einem fernen Wetterleuchten der Erkenntnis: zum Kern der Sache vorzudringen, davon waren sie Megaparsec entfernt). [Ihre schmetternde Soprantrompetenstimme parodistisch zum Quietschgemäusel übersteigernd]: {Wir sind vom Intoleranzbekämpfungsclub und demonstrieren für den Minirock und Antibabyspray!} Nu: Weitermachen, Schwester, sag ich da mal. Aber die platonischen Neutestamentarier nahmen die falsche Abzweigung: zur Beschränkung, Reduktion, Stagnation, Nachhaltigkeit. In ihrer Sehnsucht nach Auflösung — Verschmelzen mit einem hochentropen Kollektiv —, begannen sie, Lust, Leben und Schönheit zu hassen und Röcke und Gesichter wurden wieder länger.

Einen Minirock tragen, das ist gewittrig knisternde Macht: Ich bin stark, deshalb brauch ich meine intihihihihmhmste Zone nicht zu schützen. Ich könnte sogar nackt vor euch stehen: Ihr kämt im Traum nicht auf dumme Gedanken — denn vor meinem Blick verwelkt ihr. (Oder — ?! Glaubt, ihr könnt’n euch’n Blick stibitzen auf — haha! Dass ich nicht… IIIiik! Vermorrte Windströmungen: mathematisch berechenbar, doch für’n Mädel Gefahr, da nichtlinear…)

Wir Curiepolitaner sind überzeugt, dass Intelligenz das Wertvollste ist, was es im Universum gibt. Intelligenz ist die Fähigkeit, aus Dingen und Gedanken Neues zu schaffen in einem lustvollen, spielerischen Akt. Curiepolis ist die Speerspitze der terragenen Intelligenz. Wer dem Leviathan, der Entropie, die Stirn bietet, lässt sich seinen Kleidungsstil ganz sicher von niemandem vorschreiben. Wer es mit der ewigen Wiederkehr aufnimmt, hat für platonisch-neutestamentarisches Slutshaming keine Zeit.}

Hmm… nich unebn, Dya… nich unebn. Würde sagen: Dem ist nichts hinzuzufügen!

Das Bild habe ich mit der Programmiersprache Processing weiter bearbeitet:

Girls9.jpg

Im neusten Video zeige ich anschaulich, wie ich meine Illustrationen Schritt für Schritt erstelle.

Annika et al. sind in Curiepolis eifrig daran, an ihrem Projekt zu forschen. Wie aber geht es post-Wewelsfleth weiter mit dem Dichter-Technologen?

Von dem Stipendium habe ich einen hübschen kleinen Geldbetrag angespart. Das bedeutet, dass auch ich nun auf Expedition gehe. Bald erfahrt ihr Näheres über meine „neue Reise auf der Beagle“!

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Autor: Curiepolis

Dichter-Technologe

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