Fahrten und Abenteuer des Dichter-Technologen. Der Strapazen zweiter Teil.

—> Teil 1.

Annika. Da sitzt er nun also stolz wie Bolle in seinem Döblin-Haus! Exakt dort, wo Günter Grass seinen Hintern hatte, als er den „Butt“ abfasste, hat nun der Dichter-Technologe den seinen und im Regal nen dicken schönen Stapel Mini-Demonstratoren. Wie gehts weiter mit den guten Stücken? Er wollte sie Leuten in die Hände drücken, richtig? Was denn für Leuten?

Zouzou. Mglw.: reichen Leuten? (Tihi!)

Dya. Seine Wewelsfleth-Zeit tritt in Phase Numero Zwo: Curiepolitanischer Populismus. Sein Ziel: Den Bekanntheitsgrad von Curiepolis extrem erhöhen.

Zouzou. Das Gewitter hat kühle Luft von der Tropopause herabgewirbelt, da blästs dem Dichter-Technologen kühler ums Näschen. Der Herbst räuspert sich in den Kulissen – ungünstig, wenn man wohnungslos draußen herumgondelt. Er wünscht sich neue Unterstützer, die bei Regen und bei Wind einen kuschligen Platz am Kamin für ihn parat halten. Oder?

Dya. Nach dem Wolkenbruch wirds für einige Wochen nocheinmal recht heiß – deine Idee geht aber in die richtige Richtung…

Annika. Hihi, unser Freund beginnt sich jetzt wohl doch zu fürchten! vor seiner eigenen Waghalsigkeit?!

Dya. Nu: Fürchten… das ist das falsche Wort. Nachts macht er manchmal kleinere Spaziergänge innerhalb des Dorfes, öfters zum Hafen runter, wo ers bei einlaufender Flut selten lassen kann, einen Grashalm abzurupfen und ins landauf fließende Wasser zu werfen – Staunen! Das ist etwas Wunderbares. Wisst ihr eigentlich, welche Erklärungsversuche für die Gezeiten es prä Newton gab?

Annika. Nein – interessante Frage.

Zouzou. Man müsste mal dazu recherchieren… das kriegen wir raus. Aber zurück zum Dichter-Technologen. Er treibt sich also in ländlicher Finsternis am Wasser herum.

Dya. …und legt immer wieder den Kopf in den Nacken, um das Sommerdreieck, das blasse Milchstraßenband zu betrachten. Spürt eine Art kühles Ziehen in der Magengrube, oh ja – aber es ist nicht das Ziehen von Furcht, sondern von gesteigerter Anspannung, wie es vielleicht ein Kapitän spürt, der sich mit seinem Schiff einem Sturmgebiet nähert und es nicht mehr umfahren kann. Es gilt, die Verknüpfungen von Curiepolis mit der Außenwelt stark auszubauen, so dass ein tragfähiges Netz daraus wird.

Hikari. Oh! So ein Dichter-Technologe macht keinen Rückzieher, wenn Schwierigkeiten auftauchen!

Annika. Noch sind ja keine aufgetaucht…

Hikari. Sie zeichnen sich am Horizont ab, wälzen sich heran wie die Gewitterfront über dem Krempermoor! In der Welt der Sapiens ist es schwierig, ohne Zahlungsmittelquelle zu existieren. Dieses Problem muss er lösen. Wie baut er sein Fandom-Netzwerk aus?

Dya. Na, was wird Numero Uno wohl sein: komplett neue Webseite! Mit eigener Domain – wurde ja auch höchste Zeit, dass unter Curiepolis punkt De-Eh Informatives zu finden ist. Schmissige kürzere Texte, Illustrationen: geeignet, die Aufmerksamkeit auch einer eher müßigen Internet-Leserin einzufangen. Ein Video nimmt er auf – eigentlich: ein „Audio“ mit Hintergrundbildern in curiepolitanischem Stil, gute Soundqualität dank des von Andreas Baum geliehenen Profi-Aufnahmegeräts, von diesem normalerweise für Rundfunksendungen genutzt –, darin erläutert er sein Projekt und die Grundlagen des Ektropismus und, anhand eines Bildes von uns mit Zouzou am Teleskop und mir auf dem Mäuerchen – eines von jenen, die ihm demnächst sittliche Entrüstung einbringen werden –, wie er seine Illustrationen erstellt. Für alle, die tiefer einsteigen wollen, stehen der Mini-Demonstrator, alte und neue Leseprobensammlungen und zwei längere Essays zum Ektropismus und zur ektropen Literatur zum Herunterladen bereit. Dieses Material brennt er auch auf Devaudees, die er zusammen mit den Mini-Demonstratoren auf die Reise zu schicken gedenkt. Richtig geraten, meine Zouzou – unser Freund entdeckt, dass die Privatadressen von Milliardären nicht so ohne weiteres zu ergurgeln sind. Jan-Philipp Reemtsma sollte jedoch über die Universität Hamburg, Götz Werner durch seine Grundeinkommens-Initiative zu kontaktieren sein. Einfach dagegen sind die Postanschriften der Zurich James Joyce Society und der Arno-Schmidt-Stiftung feststellbar, Prof. Peter Sloterdijk findet sich überraschenderweise sogar im „Örtlichen“.

Annika. Reemtsma ist doch im Vorstand der Arno-Schmidt-Stiftung? Wars nicht Overkill, alle beide…?

Dya. Mancher mags Overkill nennen, unser Dichter-Technologe denkt wohl eher in die Richtung: Doppelt genäht… Also! Nach, wie üblich, langer Nacht wird wieder einmal das Drahtross gesattelt, auf nach Itzehoe zur Post!

Annika. Warte, Wewelsfleth hat eine Werft, die Militärschiffe wartet, aber nirgends ein Hauch von Postschalter?

Dya. Doch-doch, klar hat Wewelsfleth eine Art Post – der „Dörpsloden“ übernimmt diese Aufgabe –, unser Freund benötigt aber den itzehoer Druckshop, um die Anschreiben an die verschiedenen Addressaten auf Papier zu befestigen. Letztlich kommts ihm jedoch wohl vor allem drauf an, nach Itzehoe zu fahren. Seit seiner Mini-Demonstrator-Reise ist die unscheinbare Mittelstadt an der Stör für ihn eine Art Portal zur Zukunft: Die Umgebung, in der ihm die unvorstellbare Kraft bewusst wurde, die durch Kontrolle über das eigene Nervensystem verfügbar wird. Das Gefühl: Ich bin jung, ich bin stark, die ganze Welt liegt vor mir – all meine Ziele kann ich realisieren! Es hat seinen Grund, dass er am liebsten über jugendliche Personen schreibt und dich, Annika, regelrecht channelt.

Annika. Hu! [Mehr bringt sie nicht heraus, da sie vollauf mit Erröten beschäftigt ist. Hikari streichelt ihr die Hand.]

Hikari. Kann es nicht auch sein, dass der Einödkoller unseren Helden allmählich im Würgegriff hat? Er möchte aus dem abgelegenen Dorf raus. Zu den Menschen!

Dya. Ja. Er fängt an, sich nach Menschen zu sehnen, insbesondere, da er immer öfter alleine im Döblin-Haus weilt – Elfriede und Andreas pendeln regelmäßig nach Berlin, wo sie zuhause sind, der Dichter-Technologe hat nur die Villa Grassimo als Heim auf Zeit. Einige Tage ist er übrigens mit Elfriede alleine – ein Fall, vor dem es ihn gegruselt hat…

Hikari. Verständlich!

Dya. Elfriede hat ihm mehrere wütende Emails geschrieben: Er hätte erkennen mögen, dass sie den Drucker dringend benötigte und ihn ihr heruntertragen. Der Dichter-Technologe, verständlicherweise keinesfalls willig, psychologische Spielchen mit sich veranstalten zu lassen, antwortet kurz und bündig, dass ein Künstlerhaus kein Viersternehotel sei, wenn sie rund um die Uhr von Kopf bis Fuß bedient werden wolle, müsse sie ins Luxus-Seniorenheim nach Genf…

Hikari. Autsch! Das war derb.

Annika. Wie kommen die Beiden miteinander zurecht, zu zweit im Döblin-Haus?

Dya. Begegnen sich kaum, u.a., weil der Dichter-Technologe vorwiegend nachts aktiv ist. Einmal vernimmt er Elfriedes Blockflötenspiel herauf durch den ritzenreichen Holzboden, sie fragt ihn später mit Mausestimme, unterwürfigsten Augenaufschlags, ob er sie gehört habe? Entschuldigt sich fast unter Tränen, als er bejaht – dabei hat es ihm ganz gut gefallen, er erzählt, eventuell selbst Mundharmonika lernen zu wollen, doch Elfriede scheint nur noch davon besessen, sich vor ihm zu erniedrigen. Bringt ihm ihr Telefon, damit er einen einfachen Handgriff zur Aktivierung irgendwelcher Funktionen durchführt – dankt ihm überschwänglich.

Annika. Aaagh! Das kann man ja nicht anhören, lass das weg! Da bekommt man ja fast Mitleid, grässlich!

Zouzou. Wusste er, dass Elfriedes Mann im Sterben lag?

Dya. Es dämmerte ihm wohl, dass sowas der Fall war – ausdrücklich erfährt ers erst ganz zum Schluss, als Elfriede schon fort ist, von Desirée Tiedemann.

Annika. Zurück zu seinen Expeditionen zu den Menschen! Es zieht ihn wiedermal nach Itzehoe.

Dya. Wo er seine Briefe, die den Nachschub an Schinkenbroten längerfristig sichern sollen, einem gutgelaunten Postangestellten überreicht: {Ah… Jan Philipp!} Der Umschlag in die Schweiz muss mit einer Zollerklärung versehen werden: Druckprodukt und DVD. Schwippschwapp – die sechs Briefsendungen verschwinden in den Eingeweiden des Postbetriebs! Fire and forget: Verantwortung purzelt von den Schultern unseres Freundes, weicht wohligschwerer Müdigkeit… mögen die Briefe wacker auf große Fahrt gehen und ihre Empfänger betören, er sucht sich nun ein Hotelzimmer (ein billiges). Schläft wie ein gefällter Baum, ein Findling, durch den Nachmittag, erwacht bei Dunkelheit. Ein griechisches Restaurant hat noch offen, dort speist er zu abend – bzw. „frühstückt“ – das Wandgemälde, das eine moderne Brücke in Athen zeigt, gibt ihm interessante Ideen für Curiepolis: Erblickt mich als weiblichen Diogenes der Zukunft – mit Hikari und Annika am Lagerfeuer zwischen nächtlichen Kolossmaschinenschatten – im Hintergrund, Gebirge von Zuckergussglut, ragende Wolkenkratzer, Arkologien. Eine lustige Nachtstadtwanderung unternimmt er quer durch Itzehoe – staunt von Neuem, wie weitläufig es ist: Man läuft Kilometer um Kilometer, ist immer noch in Itzehoe – wirklich, diese norddeutschen Städte sind ohne Platzbedenken gewachsen. In einem bayrischen Tal kann man nur soundsoviele Straßenzüge hinzufügen, bis der Steilhang den architektonischen Bemühungen Grenzen setzt, in der Ebene ist das nicht der Fall, da kann man seine Stadt unbekümmert ausbauen, indem man weitere Marschen trockenlegt. Auf dem Vorplatz einer Schule raucht er einen Joint der „Finnegans Bake“-Klasse – angenehme und nützliche Gedankenflüge zu Annikas Leben in Hinterföhren.

Annika. Tihi! Wars denn auch eine Schule mit gymnasialer Oberstufe?

Dya. Nein, wohl eher so eine mit Kastanienmännchen auf der Fensterbank und kompakteren Schülern! Am nächsten Tag fährt unser Held heimwärts nach Hinterföh… hümm, Wewelsfleth! Um die Geschichte des Dr. Owlglass in Angriff zu nehmen: nächster großer Arbeitsschritt.

Hikari. Um die neuen Stipendiaten zu begrüßen! Andreas und Elfriede verlassen ihn doch Ende August.

Annika. Und er macht weitere Fahrradtouren. Gegen Ende des Stipendiums wird er ein flotter Fahrradfahrer, oder?

Dya. Er kurvt meilenweit durch den Landkreis. Glückstadt, Wilster: Kleinstädte – oder eher ausgedehnte Dörfer, stilles Provinzkopfsteinpflaster. In Glückstadt kauft er sich Kunstmaterialien – regnerischer Tag, immer wieder muss er absteigen und unterstehen, dabei hat er eine Idee, vielleicht kann mans sogar Vision nennen: Ein Curiepolis-Studio!

Annika. Tihi, da bin ich neugierig: Wie soll das aussehen? Wie stellt er sich sein Studio vor?

Dya. Lichtdurchflutete Wohnung ganz oben in einem großstädtischen Hochhaus. Rundblick bis zum Horizont aus dem riesigen Arbeitszimmer mit fast ebenso riesigem Schreibtisch, auf dem die Phantasie sich ungehemmt austoben kann! Moderne Computer, Scanner, Drucker. Bibliothek, Küche, Schlafzimmer: Eventuell auf zwei Etagen mit Wendeltreppe aus bunt lackiertem Stahl.

Zouzou. Mm, nachvollziehbar! (Einen Balkon, oder besser ne Dachterrasse sollts noch haben: Könnt man ein Teleskop aufstellen…) Sowas wie Wewelsfleth, aber eben nicht in Wewelsfleth, sondern nah bei den Menschen, und, natürlich, ein gutes Stückchen luxuriöser und mit moderner Ausrüstung – keine halben Sachen.

Dya. Es scheint ihm plausibel, dass Jan Philipp – oder ein anderer gebildeter Reicher (reicher Gebildeter?! Gibts da’n Unterschied??) – ihm etwas in dieser Art spendiert.

Hikari. Warum auch nicht! Sowas wie Curiepolis hat Reemstma mit Sicherheit noch nie zu Gesicht bekommen.

Annika. Mir schwant, genau hier liegt die Schwierigkeit…

Hikari. Warum? Ein Literaturprofessor sollte das Neue lieben, um nix andres geht es in der Kunst: Erschaffung von Neuem, das ist ihr Sinn.

Zouzou. Genau: wie reagieren denn nun die Leute, denen er den Mini-Demonstrator geschickt hat?

Dya. Gleich, meine Zouzou – eins nach dem anderen. In Wilster entdeckt unser Held eine Eisdiele, in der es zirka zwanzig Sorten Spaghettieis gibt, und fährt entlang an der Wilsterau, einem Störnebenflüsschen, an dessen Mündung – eine Schleuse verbindet sie mit der Stör – er sich gern in der Abenddämmerung zum Grasen niederlässt. In Glückstadt lässt er sich frisieren – die Friseurin beäugt ungläubig den natürlichen Rasta-Klumpen, der sich hinten an seinem Kopf gebildet hat, keine andere Möglichkeit, als ihn wegzuschneiden, so dass der Dichter-Technologe jetzt kurze Haare im Nacken und lange obenauf hat.

Annika. „Volahiku“.

Hikari. Oh, ich hoffe, er sieht immer noch so wuschelig aus!

Dya. Tut er, keine Sorge. Auf der Rückfahrt von einem seiner glückstädter Ausflüge purzelt er, bei ungeschickter Bremsung, über die Lenkstange, fängt den Sturz mit der rechten Hand ab: Zuerst nur Brennen von abgeschürfter Haut, später am Tag schwillt das Gelenk an. Stumpfer Schmerz, verringerte Kraft – einige Zeit kann er die rechte Hand kaum zu Tätigkeiten nutzen, die mehr Muskelanspannung erfordern als Essen mit Besteck oder Zeichnen.

Annika. Ein Arztbesuch kam wohl nicht in Frage?

Dya. {Mit der Zeit wirds besser!} brummelt er vor sich hin, und behält recht – allmählich lässt der Schmerz nach, Kraft kehrt ins Handgelenk zurück, auch wenn leichte Spätfolgen noch nach Monaten spürbar sind. In Wewelsfleth besucht er übrigens einmal einen Zahnarzt, zur Erneuerung seiner Plombierungen – ganz junger Mediziner, frisch von der Unversität Hamburg, der zum ersten Mal mit viel Neugierde vom Döblin-Haus und -Stipendium hört.

Hikari. Lernt er in den schleswig-holsteinischen Provinzstädtchen freundliche Leute kennen? Menschen, die ihn aus dem Einödkoller holen?

Dya. In den Städtchen nicht: Genaugenommen kommts ihm zuweilen vor, als ob es schwierig ist, dort überhaupt jemandem zu begegnen, Straßen still wie Waldwege. Doch anfang September kommen Menschen zu ihm: Die Stipendien von Andreas und Elfriede enden, neue Stipendiaten treffen ein. Ab jetzt wird er mit zwei jungen Damen im Döblin-Haus wohnen.

Hikari. Oho!

Zouzou. Gnihihi…

Annika. Was sind denn das für Halbgöttinnen? Versteht er sich gut mit ihnen?

Dya. {Da ist schon ein sehr netter junger Mann, der wird Ihnen alles zeigen!} – so Desirée Tiedemann telefonisch zu Sonja-Justine Wackersdorf, eine feministische Autorin Mitte zwanzig, deren Ankunft die Hausdame nicht persönlich zu begleiten vermag. Der Dichter-Technologe freut sich auf die neue Mitbewohnerin.

Hikari. Ich hoffe, er lädt sie schön zum Spaziergang nach Brokdorf ein.

Dya. Immerhin zum ausgedehnten Besichtigungsspaziergang rund ums Dorf! Sie unterhalten sich sehr nett: Die Sonja arbeitet an einem Roman über eine junge Frau, die mit ihrem Freund in eine Kommune ins ländliche Brandenburg zieht, wo dann alles drunter und drüber geht. Deine Geschichte, Annika – Erfinderin aus kleinstädtischer Provinz, von ihrer Umgebung mit Kopfschütteln bedacht, bricht auf in die Freiheit, ins Abenteuer: das spricht die Feministin an – der Dichter-Technologe merkt, wie die Dame ihren skeptischen Schutzpanzer kurz senkt, rüberlächelt und freier atmet – das weiß kennt sie, als Jugendliche auf dem Land ausgegrenzt sein.

Annika. Ei, in Hinterföhren – die haben mich eigentlich nicht ausgegrenzt, es war eher so, dass sie meine Gedankenspieleinladungen nicht verstehen konnten oder wollten.

Dya. Ähnlich gehts unserem Freund mit der Sonja-Justine, die sich eilt, ihren Schutzpanzer wieder aufzubauen. Wenn der {nette junge Mann} doch ein kräuterteeschlürfendes Dickerchen mit Soziologiebachelor und leiser Stimme wäre – dann wärs in Wewelsfleth gemütlich wie im veganen Café am Prenzlauer Berg! Stattdessen scheucht der graue Wollwolkenkratzer sie auf eine Aussichtsplattform auf der Stördeichkrone, bietet ihr eine Tüte an.

Zouzou. Sowas dürfte ihr – die ist doch wohl in der linken Szene aktiv – jetzt aber keine Schocknovität sein.

Hikari. Das war supernett von ihm! [Hat bei dem Wort „Tüte“ glänzende Augen bekommen, zückt hellrosa Drehpapiere, Tabak, curiepolitanisches Pantsu Kush…]

Dya. Sonja hat mit dem Kiffen aufgehört…

Hikari. …und an diesem Tag wieder angefangen! Gnihihi. [Dreht sorgsam.]

Dya. Leider nein. Sie hat einen Kloß im Hals. Aussehen, Verhalten, Bemerkungen, Aussagen des Dichtertechnologen lassen jene Selbstzurücknahme vermissen, die Sonja Justine vom männlichen Geschlecht fordert. Ists möglich, dass sie sich in einer Umgebung und Gesellschaft befindet, die sich nicht an dem orientiert, was moralisch geboten ist, sondern daran, was Spaß macht?!

Annika. Was macht er denn für Anmerkungen, die sie so schockierend findet?

Dya. Man unterhält sich über die dresdener Krawalle, unser Held findet, dass der Vorschlag der APPD, Gewalterlebnisparks für unbelehrbare Brutalos einzurichten, nicht von der Hand zu weisen sei und jetzt realisiert werde, da sich in Dresden offensichtlich kriminelle Ausländer, Neo-Nazis und linke Bands, in deren Texten es um das Abfackeln der „Bullen“ gehe, an ein- und demselben Ort versammelt hätten.

Annika. Autsch. Das wird unserer Sonja nicht gefallen haben: Äquidistanz zu Linksaußen, Rechtsaußen, Islamaußen.

Dya. Und der Dichter-Technologe fügt flugs noch hinzu, dass die AfD keinesfalls zu den Nationalsozialisten zu rechnen sei, sondern, wenn es dieses Kürzel denn gäbe, zu den „Napis“, nationale Kapitalisten – du bist nichts, dein Konto ist alles –, und erzählt der Sonja vom Würfelmodell der Politik mit den drei Achsen: Platonisch-hobbesianisch, alttestamentarisch-neutestamentarisch, entrop-ektrop. Und shittestet sie: {Was meinst, wo Nazis, Kommunisten, Nationalkapitalisten eeteezee in dem Würfel wohnen?}

Zouzou. He he he he he. Das ist aber’n Shittest von’m Shittest: Auf mehreren Ebenen! Er will schauen, wie sie reagiert, wenn er Anforderungen an sie stellt. Und ob sie in der Lage ist, unter Stress zu denken. Und ob sie’s fertigbringt, eingefahrene Freund-Feind-Denkschienen zu verlassen.

Annika. Gelingts ihr?

Dya. {Also neutestamentarisch sind die schon mal nicht!} Wesentlich weiter als bis zu dieser hervorgeblubberten – sich auf die Nazis beziehenden – Aussage, kommt man nicht. Macht aber nix, der Dichter-Technologe führt sie noch ein Stück störauf, der Sonja Justine gefallen die alten Herrenhäuser, die, inklusive Wassergraben, linkerhand zwischen den Bäumen auftauchen.

Annika. Nu, Herrenhäuser – klingt jetzt nicht unbedingt sehr nach „links“.

Hikari. Vielleicht spekuliert sie darauf, die Villen mit ihrer Antifa-Gruppe zu stürmen und in besetzte Häuser umzuwandeln?

Zouzou. Oder war durch den Shittest des Dichter-Technologen immer noch dermaßen durch den Wind, dass der alte Prinzessinnentraum sich seinen Weg bahnte.

Annika. Gnihihihi… Er hätte ihr ’ne Geschichte erzählen sollen – wie sie zusammen eines der Häuser infiltrieren und sich dauerhaft drin niederlassen, als Dichter-Aristokratie von Wewelsfleth.

Dya. Er versucht, ihr das Kraftwerk vorm Abendhimmel zu zeigen: Schattenriss im Gegenlicht, doch man kann es von diesem Ort aus, einiger Baumgruppen wegen, nicht gut sehen.

Annika. Wie reagiert die Gute auf das Kernkraftthema?

Dya. Ach, wie auf fast alles am Dichter-Technologen: Mit Nervosität!

Zouzou. Sie kann den Mann nicht einordnen. Sieht weder einen typischen Mitstreiter ihrer eigenen Seite – die Ansichten, das unbekümmerte Gehabe sprechen dagegen –, noch einen der Gegenseite: das Aussehen, Kenntnisse der linken Szene und Ideologie und das unbekümmerte Gehabe kennzeichnen ihn als Nicht-Nazi. Sie hat die klare Teilung der Welt in Freunde und Feinde wohl jahrelang gelernt, ist sich nun unsicher: gut oder böse? Steht nervös im Niemandsland.

Hikari. Die Arme! Hätt sich ruhig mal von unserem Helden charmieren lassen sollen! Ein netter Flirt ist das Beste gegen Nervosität. [Brennt den Joint an, raucht ihn alleine, in zierlichen Zügchen, die beim Ausatmen zu kugelrunden Rauchbällchen werden.]

Annika. Tihihihikari, du, ich bin mir nicht sicher, ob dir da alle zustimmen würden…

Dya. Wieder im Dorf, erwähnt der Dichter-Technologe den Präsidenten der Vereinigten Staaten – ohne Verwerflichkeitspräambel –

Annika. Au Backe. Das Fett quoll empor an seinen Schuhen…

Hikari. Eeeeh, nix da! Der ist nicht ins Fett getreten, sondern mit Anlauf hineingesprungen.

Zouzou. (Wobei er unablässig in sich hineinschnickerte, stell ich mir vor!)

Annika. Was hat er über den Präsidenten gesagt?

Dya. Dass es sich um eine Clown handle, einen Auguste der Polit-Manege, der mit List und Beharrlichkeit zum Zirkusdirektor aufgestiegen sei.

Annika. Das ist doch eine geniale Charakterisierung! Find ich!

Dya. Für den Geschmack der Sonja Justine jedoch viel zu harmlos. Ein Clown? Als Diktator ist der US-Präsident zu bezeichnen, alles andre ist Verrat an der gerechten Sache.

Annika. Clowns sind aber Hochoktantreibstoff für Alpträume.

Dya. Die Erwähnung des Films „Killer Klowns from Outer Space“ vermag die Feministin halbwegs zu besänftigen – für einige Minuten, bis unser Freund beim Bummeln zwischen schollenförmigen Einfamilien- und Ferienhäusern ein Längeres Gedankenspiel vom Stapel lässt: Schon hat er seiner Begleitung vom Mini-Demonstrator erzählt und dass dieser unterwegs sei, u.a. zu Milliardären – {türlich muss der Brief an allerlei subalternem Personal vorbei} – stellt er sich vor – {dem Butler Mortimer und der Zofe Amalia, beide darauf bedacht, den hohen Herrn vor unangenehmen Einflüssen zu schirmen. Amalia kontrolliert natürlich am schärfsten.} {Wieso gerade Amalia?} garstet Sonja mit pikierter Stimme. {Nun, das ist eben so eine strenge, viktorianische Dienerin mit hochgeschlossenem schwarzen Spitzenkleid und Haarknoten!}

Zouzou. Mich würde interessieren: kannte die Sonja zu diesem Zeitpunkt schon die Curiepolis-Illustrationen?

Dya. Dürfte bereits einen kurzen Blick drauf geworfen haben, da er sie im Treppenhaus aufgehängt hat, die curiepolitanische Staatsflagge sogar an die Glasscheibe in der Tür zwischen Eingang und Küche.

Annika. So, wie ich das Mädel einschätze, sind ihr bereits die Konzepte „Staat“, „Nation“ und „Flagge“ Balken im Auge, ganz zu schweigen von den Motiven Gen- und Kerntechnik.

Dya. Sie hält das DNS-Symbol, als unser Freund sie raten lässt, was es repräsentiert, für ein Knallbonbon. Wieder im Döblin-Haus, bekommt Sonja eine kleine Museumsführung spendiert – er zeigt ihr die Bilder im Treppenhaus und in seinem Arbeitszimmer, und – nu, sagen wirs so: Die Sonja schnauft pausenlos. Vor jedem Bild zieht sie Luft geräuschvoll ein, nach jeder Erläuterung stößt sie sie durch die Nase aus, wobei ihre Schnaufer – wie der Dichter-Technologe deutlich merkt – abwechselnd pikiert und respektvoll klingen.

Hikari. Ich hoffe, es klang respektvoll, als sie vor unserem Bild stand!

Dya. Sowohl als auch: Pikiert, als sie unser Aussehen zur Kenntnis nahm, fasziniert, als der Dichter-Technologe von unseren Fähigkeiten berichtete.

Annika. He! Was hatte sie denn an unserem Aussehen auszusetzen?!

Dya. Einige Tage später bekommts der Dichter-Technologe klipp und klar zu hören. Er trifft Sonja in der Küche, sie sitzen zusammen am Esstisch, Sonja speist zu Abend, der Dichter-Technologe frühstückt und fragt sie, was sie von seiner neuen Webseite halte?! Da brichts heraus aus der Feministin: Wieso seien seine Bilder so sexistisch?! Wenn Curiepolis ein so fortschrittlicher Staat sei – wie gehe das zusammen mit dieser objektifizierenden Heteromännersicht? Es bereite ihr, Sonja-Justine Wackersdorf, zutiefst unangenehme Gefühle, im Döblin-Haus wohnen zu müssen, wenn sich dort ein Mann aufhalte, der derartige Bilder male und auch noch ausstelle – und hier schaut sie n Tick unsicher drein, die intersektionale Feministin: Sie lese seine Eigenpräsentation als… männlich? Der Dichter-Technologe schlückelt seelenruhig aus seiner rosaroten Kaffeetasse…

Hikari. …und setzt ihr, hoffentlich, den Kopf zurecht! Eine Geschichte über die intelligentesten Mädchen des Multiversums soll sexistisch sein? Wie-was??

Dya. Es ging ihr vor allem um die Illustrationen: Ein weißer, heterosexueller Mann soll keine hübschen, sommerlich gekleideten Mädchen zeichnen, da dies die Machtstruktur des Patriarchats untermauert. (Oder so.)

Annika. Sie will nicht, dass wir hübsch sind?! Dürfen Erfinderinnen seit neuestem nicht sexy sein oder so?!

Dya. Dürfen wohl schon – er soll es nur nicht malen!

Hikari. Himmelbimmelbammel. Schon das zweite Weib, das in Wewelsfleth auf ihn losflegelt, weil er seine Sachen so macht, wie er will, und nicht so, wie’s ihren Wunschkonzertvorstellungen entspricht.

Annika. Oh weh. Der arme Mensch! Aber: Ich glaube irgendwie, dass er seinen Spaß daran gehabt hat, der Sonja einen gordischen Knoten in den Kopf zu setzen. Wollte schauen, wie sie reagiert. Gemeiner Schuft.

Zouzou. Was meinst du mit {gordischer Knoten}?

Annika. Er triezt sie mit wiedersprüchlichen Signalen: Freund Feind Freund Feind Freund – schaut ihr genüsslich beim Verwirrtsein zu! Gelichter-Technologe, hümpf.

Hikari. Oah, ganz schrecklich gemein. Und SÜSS.

Annika. Tihihihihirgendwie schonhmhmhm…

Zouzou. Wenn unser Held mit leuchtendem Blick davon erzählt, wie Annika aus ihrer kleinmütigen Kleinstadt in ein Land auswandert, in dem sie sich akzeptiert und angenommen fühlt und ihre Talente entfalten kann – wie wir unsere Gaskernraketen, unsere Neutronen-Laser einsetzen – dann lässt sie sich gern ein Stückchen in seinen Kosmos entführen – Girls can do anything, das erkennt die Feministin wieder, da fühlt sie sich zuhause, das sagt ihr was. Und dann hat unser Held nix Eiligeres zu tun, als mit Konzepten anzukommen, die ihr unheimlich sind – da weiß sie nicht: Heimisch fühlen oder lieber doch nicht? Kann ihn nicht einordnen. Das geht allerdings, denke ich, manchem Mitmenschen so in Sachen Dichter-Technologe.

Annika. Wie hat er sich denn nun zur Wehr gesetzt?

Dya. Zunächst: Ihr klargemacht, dass Slutshaming nicht in die Tüte kommt! Wer sich über kurze Röckchen an Erfinderinnen, Philosophinnen beschwert, hat nicht nur nicht verstanden, dass kreative Menschen sich keine Vorschriften machen lassen, schon gar keine Kleidungsvorschriften – sondern reduziert die denkende Dame auch komplett auf ihr Äußeres. Unser Freund wird noch einige Male die Erfahrung machen, dass selbsternannte Feministinnen sich ausschließlich mit unseren Hóhos und Tihis beschäftigen und drüber maulen, unsere Etymino-Forschung und Femtotechnologie interessieren diese Freiheitskämpferinnen keine Femtosekunde. Die Sonja blafft ihn an, er {mache es sich zu leicht, wenn er ihr Slutshaming vorwerfe} – obwohl das ja genau das ist, was sie gemacht hat.

Annika. Ich habe den Eindruck, die war einfach ziemlich schüchtern… naja: und hatte saudämliche Auffassungen! Unser Held hat sie überrollt damit, dass er – ähüm: er selbst war. Bin mir allerdings immer noch sicher: er wusste genau, was er tat – hatte seinen schuftigen Spaß dran, die arme Person taumeln zu sehen – mit dem gutherzigen Augenaufschlag eines Neufundländerwelpen.

Dya. [kühl] Ebenso wie Elfriede Fröhlich muss sich die Feministin daran gewöhnen, dass ein Künstlerhaus kein Viersternehotel ist! Kunst muss die Menschen, wie Annika es nennt, zum Taumeln zu bringen, d.h.: Ihnen etwas zu zeigen, dass sie nicht auf Anhieb begreifen und einordnen können. So erklärts auch der Dichter-Technologe seiner Widersacherin: Das ist wie ein Zen-Koan. Eine absurde, selbstwidersprüchliche Aussage, logische Bombe, weißer Rappe – man verstehts, wenn man aufhört, es verstehen zu wollen. [munter] Sonja, hör auf drüber nachzudenken, ob Wissenschaftlerinnen Miniröcke tragen bzw. ob Männer Wissenschaftlerinnen in Miniröcken malen dürfen, sondern genieße die fröhliche Wissenschaft der fröhlichen Wissenschaftlerinnen!

Annika. Kunst ist auch irgendwie eine schuftige Angelegenheit. Hihi. Das ist das Schöne an ihr, dass sie schuftig ist! Wär sie nicht schuftig, wärs keine Kunst, sondern dünner Haferflockenbrei.

Hikari. War er traurig, dass es ihm nicht gelang, mit der Sonja ein gemeinsames Längeres Gedankenspiel aufzubauen? Er hat sich doch allein gefühlt, Einödkoller – bestimmt hat er gehofft, die neue Stipendiatin begleitet ihn auf seinen täglichen Hanfspaziergängen, träumt zusammen mit ihm?

Dya. Ja. Sagts ihr sogar direkt: {Bin so froh, dass du hier bist! Hab schon angefangen, mich allein zu fühlen.} Leider wird nicht viel draus –

Annika. Er hätte sich vielleicht etwas mehr auf ihre Welt – ihre, Sonjas, eigenen Gedankenspiele – einlassen sollen?

Hikari. Hat er doch! Sich stundenlang mit ihr unterhalten.

Annika. Aber – so wie’s Dya beschreibt – dabei vorwiegend über seine eigenen Ideen geredet. Hätte sie mal spüren lassen sollen, dass er sich für sie interessiert – und zwar nicht nur als andächtig lauschende Zuhörerin. Andrerseits: Was hätte er eigentlich davon gehabt? Eine Frau mit dünnsinnigen Vorstellungen, die am liebsten an anderen Menschen herummäkelt – so kommt die mir vor.

Hikari. Nix für einen Dichter-Technologen! Ganz klar.

Zouzou. Wie war denn die zweite Neustipendiatin beschaffen?

Dya. Von der bekommt er nicht viel mit. Eine Blondine, nicht unhübsch, er gentlehüstert ihr den Koffer in die Mansarde, danach sieht er sie nur sporadisch in der Küche. Keine der beiden Frauen scheint viel Lust zu haben, mit ihm zu kochen oder zu kiffen. Sein Plan, die beiden zu einer Kernkraftwerkstour einzuladen, scheitert daran, dass Preussen Elektra seit zwotausendelf keine Besucherführungen mehr anbietet – man hat die Öffentlichkeitsarbeit als hoffnungsloses Unterfangen an den Nagel gehängt.

Hikari. Ach, armer Dichter-Technologe. Er hätte öfter nach Hamburg fahren sollen, da hätte er sicherlich jemanden kennengelernt.

Dya. Er scheint während der Wewelsfleth-Zeit insgesamt in einer Art sozialem Passivmodus zu sein: Lieber die Leute zu sich kommen lassen.

Zouzou. Verständlich, wenn man sich extrem konzentrieren muss.

Hikari. Eeeh, aber! Es wäre auch seiner Arbeit zugute gekommen, wenn er etwas mehr aus dem Dorf herausgekommen wäre. Hamburg, Kiel. Lübeck!

Annika. Stimmt, da hätte er sich mit Thomas-Mann-Fans zu Kaffee und Kuchen treffen können, in einem hübschen warmen Café in der grauen Stadt am Meer.

Dya. So sieht die Lage also aus: Frühherbstliche Wind- und Regenstöße fegen ums Haus – erstere auch hinein –, in dem er zusammen mit einer nervöse Feministin und einer unzugängliche Blondine residiert – I got this girl beside me, but she’s out of reach, und im Briefkasten findet er die ersten Antworten auf seine Mini-Demonstrator-Zusendungen: Dem Jan Philipp Reemtsma leuchtet das Konzept nicht ein. Götz Werner ist, seinem Pressesprecher zufolge, zu beschäftigt, um sich mit dem Material zu beschäftigen. Die züricher Jamesjoyceler sind fasziniert, doch fehlen der kleinen Stiftung die Mittel, solche Projekte zu unterstützen. Die Arno-Schmidt-Gesellschaft und Sloterdijk antworten nicht. Später wird er sich noch in elektronischer Form an den PEN-Club Deutschland und die Goethe-Gesellschaft in Weimar wenden – bei ersterem fühlt man sich nicht berufen, zu antworten; bei letzterer ist man bezaubert, doch an den Grundsatz gebunden, nur Goethe-Forscher zu fördern.

Annika. Verflixt. Sowas hab ich bereits gefürchtet. Ja, es ist teuflisch knifflig, unsere Geschichte den Leuten nahezubringen. Es sind eben äußest sonderbare Abenteuer.

Hikari. Ich hätte gehofft, dass wenigstens Prof. Reemtsma zu einem gewissen Verständnis gelangt. Er ist doch Arnoschmidtler!

Zouzou. Das war möglicherweise das Problem. Er könnte den Eindruck gewonnen haben, der Dichter-Technologe will den Großen Solipsisten – oder auch ihn, Jan Philipp selbst – durch den Kakao ziehen.

Annika. Oooder! Er fands vermessen von unserem Freund, selbstverständlich in den Salon der literarischen Gipfelliga hineinzuschlendern – lässig rüber zu Schmidt, Joyce und Döblin: {Na, Lust auf Animes gucken?} Schnihi!

Hikari. [strahlend] Ja, nicht wahr? So ein Dichter-Technologe schwebt auf Sonnenlicht vor Selbstvertrauen, mit gutem Grund!

Annika. – aber dieser Grund bleibt dem Jan Philipp nebulös. Es gelingt dem Dichter-Technologen nicht, den Germanisten-Milliardär in seine Welt zum Spielen einzuladen.

Dya. Auch der gute Peter Sloterdijk mag nicht runterkommen zum Spielen. Außer Spesen nichts gewesen! – doch unser Freund ist drüber nicht wirklich verdrossen. Die Zukunft bleibt offen, das ist das Spannende dran. Weiterarbeiten an Curiepolis mit Volldampf! Er ist sich sicher, dass dies das Wichtigste ist: Er muss seine Kräfte laserartig fokussieren, damit Curiepolis zu Curiepolis werden kann – früher oder später werden irgendwelche Leute derart begeistert davon sein, dass sie die Brieftasche aufmachen. Die Geschichte des Dr. Owlglass, die Annika in der Bahnhofskneipe Nebbichingen aufs Ohr gedrückt bekommt. [Annika. [streng] Bahnhofs-Imbiss!] Wie oft hat er sie schon überarbeitet, immer wieder neue Varianten ausgetestet. Er möchte dieses Kapitel endlich abschließen, es in einer Form auf die Festplatte bannen, die ihn künstlerisch befriedigt.

Hikari. Und das gelingt ihm! Mir gefällt vor allem, wie er Madame Bauchnabel als eine Art kryptische Pythia einführt.

Dya. Ja, unsere curiepolitanische Bauchtänzerin hat ihm einige literarische Kopfschmerzen beschert. Seine Hauptfurcht: Ein erotisches Phantasma zu erschaffen, duftiger Lichtreigen auf zarter Haut, doch ohne eigenes Leben, erkennbaren Charakter.

Annika. Nun ist sie ein psychedelisches Mysterium, das in Rätseln spricht und undurchschaubar bleibt. Eine einfache, aber respektable Lösung des Problems.

Zouzou. Dabei – und das ist etwas, worauf der Dichter-Technologe mit viel Recht bollestolz ist – steckt hinter der traumartigen Geschichte, die die Tänzerin erzählt, aufschlüsselbarer Inhalt.

Annika. Das Achtschaltkreisemodell des Timothy Leary.

Hikari. Erstens der Bioüberlebenskreis: von der passiven Amöbe zum Frosch. Leben von der Hand in den Mund wie weiland Diogenes von Sinope.

Annika. Zwotens der Territorialkreis: Wille zur Macht, erst durch Keilerei – die revoltierenden Studenten vor der deutschen Oper –, dann Kooperation.

Zouzou. Drittens der Symbolische Schaltkreis: Großer Auftritt der linken Hirnhälfte! Erschaffung abstrakter Symbolik, Sprache Alphabet Philosophie Technologie, durch Nachahmung, Erfindung, Arbeitsteilung. Rauschende Ansprachen in besetzten Hörsälen über zunehmend abstraktere Begriffe: einige Achtundsechziger verfielen über all diesem sogar auf den Trichter, dass jegliche Wahrheiten nur ausgehandelt würden – Austausch von Symbolen –, ohne irgendeinen Bezug zu einer erkennbaren Außenwelt.

Dya. Viertens die mächtigeste aller terrestrischen Neurotechnologien: der zivilisatorisch-politische Schaltkreis. Vom Feudalabenteuer – Hippies in ihrem Hippiebus auf dem Weg ins Nirgendwo – bis zur starren sozialistischen Gesellschaft.

Hikari. In der Stadt im Nirgendwo entdecken sie die post-terrestrischen Schaltkreise: neuro-somatisch – glücklich-passiv dösen unterm Spreading Chestnut Tree –, neuro-elektrisch: Kontrolle übers eigene Nervensystem – brandaktuelles Thema für unseren Dichter-Technologen!, neuro-genetisch – Manipulation der DNS, Erschaffung neuer Lebensformen.

Annika. – welche dann den achten Schaltkreis, das nukleare Gehirn, ermöglichen, haha! Dies ist das Thema des restlichen Buches.

Hikari. Nichunebnnichunebnnichunebn! Unser Held hat sich eine tolle literarische Startrampe für seine Geschichte konstruiert, basierend auf Timothy Leary, getanzt von Madame Bauchnabel, tschacka-tschick.

Annika. Wirklich pfiffige Lösung!, Respekt, Herr Dichter-Technologe, Respekt. Tihi. Mir scheint übrigens, dass das Owlglass-Kapitel eine Art Destillat seines letzten Monats in Wewelsfleth ist: Nächtlicher Aufbruch ins Unbekannte mit Wildwestmusik, doppelt auf zwei Ebenen – die des Dr. Owlglass, die der Hippies aus Madame Bauchnabels Geschichte –, möglich dank Nervensystemkontrolle.

Hikari. Aber wohin bricht er nun auf? Etwa zu einem abgestürzten Raumschiff auf einer französischen Waldlichtung?

Dya. Es ist eher der tiefe Süden, der seine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Mit Google Earth kreist er über subtropischen Landschaften: Ibiza, Azoren, Kanaren.

Zouzou. Unser Freund geht, wie billig, davon aus, dass der Zustand der Wohnungslosigkeit bei fünfzehn Grad Nachttemperatur leichter wegzustecken ist als bei minus fünf.

Annika. Aber solche abgelegenen Inseln? Was will ein Dichter-Technologe dort?

Hikari. Hihi, unsere Curiepolis ist doch auch eine abgelegene Insel! Aus Sicht der anderen Nationen.

Annika. Ja, aber eine Insel mit riesigem Sprawl, wissenschaftlich-industriellem Komplex und Millionen von Einwohnern. Auf Teneriffa sind, hab ich gehört, das einzig halbwegs Wissenschaftliche die Universitätsstadt La Laguna und das Observatorium obenauf auf Mount Echos kleinem Bruder.

Dya. Dreieckiger Klotz von Vulkanasche im Atlantik, flächenmäßig zirka Berlin entsprechend: scheint ihm plausibel, zum einen wegen des in höchstem Maße warm-stabilen Klimas, zum anderen kennt er das Gelände von Besuchen als Kind her. Seine Großmutter hat dort gelebt, eine Schlesierin, die lange Strümpfe als probates Mittel gegen Rückschläge beim Genesen von Erkältungen ansah. Vielleicht war die Gute da on to something: Immerhin tragen wir lange Strümpfe – Hikari Knie-, Annika, Zouzou und ich sogar Überkniestrümpfe – und sind wir vielleicht je erkältet?

Annika. Hümm, ich vermute, diese schlesischkanarische Oma hätte den gesundheitsförderlichen Effekt langer Strümpfe als durch den luftigen Schnitt unserer Röcke aufgehoben, vielleicht sogar überkompensiert angesehen.

Dya. Macht nix. Wozu haben wir in unseren Körpern Nanomaschinen, die jeden Krankheitserreger augenblicklich zerstören.

Annika. Hihi, eben. Es liegt halt nicht an den Strümpfen.

Dya. Dennoch kommt beides zusammen an einem Punkt der Raumzeitmannigfaltigkeit: Freiheit von Erkältungsrückschlägen und stilvolle Schenkelumhüllung.

Annika. Doch ohne dazwischen wirkende Kausalität.

Hikari. Ich bin mir sicher, dass seine Großmutter ein kausal denkender Mensch war. Im Leary-Modell müsste das der familiär-demokratischen Gesellschaft – Schaltkreis vier – entsprechen. Adenauer-Ära halt.

Dya. Ein Universum, in dem Kausalität ein seltener Spezialfall ist – da kommt ein Primatenhirn an seine Grenzen.

Hikari. [schaut ihren Rauchbällchen mit hypnotischer Intensität hinterher, fährt plötzlich mit einem kleinen Quieker aus tranceartigem Zustand auf] Iiik. Spätestens jetzt hätt ich ihn ausgeschimpft. Ihm ein leckeres Frühstück vor die Nase gesetzt. Ihm den Rücken gestreichelt – eeh, nur so’n Ganzkleinbissel!! – und ihm eingetrichtert: Soll bloß nicht auf den Gedanken verfallen, sich irgendwelche Flugkarten zu kaufen! Mit der Handvoll Restgeld vom Stipendium in interkontinentale Fernen aufbrechen: sonst noch Ideen. [Stopft den zum Stummel runtergebrannten Joint Dya zwischen die Lippen, die erst etwas zögerlich, dann gierig zu ziehen beginnt und aufraucht.]

Dya. Nun ja, es sind immerhin zwotausend Euro übrig, plus ein paar Hundert Erspartes.

Hikari. Verstreute Groschen in einem Rucksack! Die er sparen sollte, um sich warm zu halten, bis er wieder eine feste Wohnung hat, denn so ein Dichter-Technologe ist, mangels Kniestrümpfe und Nanomaschinen, nicht frostfest.

Dya. Das findet die Frau Antje auch, obwohl sie eher besorgt ist als streng.

Annika. Liebe Hausfrrrauen, heute zeig Irrrch Ihnen Kifferrschmarrrrrn.

Dya. Zu den kulinaríschen Erfindungen des Dichter-Technologen kommen wir noch. Die Frau Antje, die ihn beim Spaziergang am Stördeich sieht und gleich als Döblin-Stipendiaten identifiziert, bringt ihm zwar keinen Käse, aber viel Fürsorglichkeit mit. Sie und ihr Mann veranstalten öfters literarische Stipendiatenkaffeekränzchen, drum spricht sie den wandernden Wollriesen an: Er komme doch sicher vom Döblin-Haus? Umflossen von herbstkräftig gedämpftem Spätnachmittagslicht plaudert man am Fuße des Stördeichs. Die blonde Dame, etwas älter als er selbst, ist unserem Freund sympathisch. Man lädt ihn ein in die Casa Antje zum Abendessen: diese Art von Fürsorglichkeit weiß er zu schätzen.

Annika. Einladungen zum Essen sind der Kaiserinnenweg zum Herz eines Dichter-Technologen, tihi.

Hikari. Oder Bücher.

Dya. Bei Frau und Herrn Antje findet er beides. Der geräumige Bungalow mit Parkettfußboden, auf dems sich prima sockenschlittern lässt, versetzt sein Nervensystem in einen Zustand glücklicher Erregung – schon immer haben ihm große, lichtdurchflutete Räume gefallen. Manche Menschen fühlen sich erst dann geborgen, wenn sie alles möglichst dicht um sich herum haben, sich einschubern können zwischen ihren Siebensachen – ein Dichter-Technologe blüht auf, wenn die Wände sich zum Horizont zurückziehen, so dass es zwischen ihnen genug Platz für seine Gedanken gibt.

Annika. Der Bungalow gehört sicher zu diesen Häusern? – diesem Park von Ferien- und Einfamilienhäusern an der Stör, den man sieht, wenn man nach Beidenfleth wandert?

Dya. Richtig, dort steht die Casa Antje neben einem Entwässerungskanal. In der Wohnessküchenbibliothek – ein einziges geräumiges Zimmer über die ganze Breite des Hauses – zieht ihn die Bücherwand an…

Zouzou. Nu, Bücherwand – die hat er auch daheim in der Casa Döblin. Die Antjes haben ihn aus dem Einödkoller geholt, feine Leute! Ich hoffe, er lässt sich nicht nur bewirten und bebüchern, sondern lernt seine neuen Freunde ordentlich kennen.

Dya. Herr Antje, seines Zeichens Musiker mit Spezialgebiet Barock, ist die vergangenen Wochen mit einem VW-Kleinbus quer durch Deutschland unterwegs gewesen: Da horcht unser Held auf, das hört sich fast nach seinen eigenen Plänen für die kommenden Monate an. [Hikari. [schnippisch] Sofern man da von {Plänen} reden kann!] Fast bedauert ers ein wenig, keinen Führerschein zu haben – auf einem Fahrradsattel lässt sichs nicht wirklich gut schlafen.

Annika. Oh, das geht durchaus – wenn mans draufhat, auf Autopilot zu pedaln.

Hikari. Unser Held bringt es anscheinend bereits bei vollem Bewusstsein zuwege, sich fahrradfahrend das Handgelenk zu versemmeln.

Dya. Frau Antje gegenüber baut unser Freund rasch Vertrauen auf – sie ist angetan von der seltenen Dichterpflanze, die sie am Deich gepflückt hat und päppelt das seltene Gewächs mit Sachen zum Essen und sanfter Sorge, was diesem behagt; zwischen Herrn Antje und dem Stipendiaten herrscht ein weniger symmetrisches Verhältnis: während der Dichter-Technologe leuchtenden Auges von Curiepolis plaudert, betrachtet der Musiker den wolligen Wolkenkratzer mit einem Fünkchen Skepsis – der Ahdeekaa gelingt es aber auch, jedes Jahr groteskere Sonderlinge nach Wewelsfleth zu spülen. Was ist das für ein schlaksiger Gigant, den seine Frau da angeschleppt hat? Erklärt, er schreibt eine Geschichte im Stil von Arno Schmidt und illustriert sie mit – Animemädchen?! Will er sich einen Jux machen mit dem Literaturbetrieb? Scheint jedenfalls große Stücke auf sich selbst zu halten. Sein – wie nennt ers nochmal?? Mini-Demonstrator (klingt irgendwie nach Technologieprojekt) ist ein Hingucker – diese Bilder – hm-hm: Glanzäugige Gören, Mandelbrotreigen und – anthroposophische Farbtöne? Der Musiker und der Dichter-Technologe finden gemeinsamen Boden: {Arbeit automatisieren, Kunst freisetzen} – entspannter Techno-Neutestamentarismus im Geiste des vielbeschäftigten Götz Werner.

Annika. Schätze, die Antjes waren unserer Kleidungswahl gegenüber aufgeschlossener als seine neue Mitbewohnerin?

Dya. Ein wenig Siebzigerprüderie: in solchem Rock würde Herr Antje seine Tochter eher nicht in die Schule gehen lassen (tatsächlich ist Antje die Jüngere anfang zwanzig und weilt in Südafrika) – aber, wie das in den Siebzigern wohl so zu sein pflegte (Quelle: Giles-Cartoons): man sympathisiert insgeheim mit der Hippiekalypse und sieht eine Erfinderin im Minirock nicht als Contradictio in adiecto an und bleibt auch dann aufgeräumter Stimmung, als unser Held, zu einer nachbarschaftlichen Lesung geladen, diese nach wenigen Zeilen abbrechen muss, da der Joint, den er sich recht selbstverständlich über der Kaffeetafel auf der Veranda angezündet hat, es ihm schwermacht, die Zeilen im Auge zu behalten – ähnlich wie bei dem Versuch, in einem fahrenden Wagen zu lesen, wird dem Armen schlecht. Seekrank auf festem Boden durch Gras, das kommt vor.

Zouzou. Diese Leute sind deutlich gechillter als Sonja.

Annika. Ja, an modernen Linken im Allgemeinen und Netzfeministinnen im Besonderen fällt auf, dass sie irgendwie ständig wie auf Reißzwecken sitzen – permanent unausgeschlafen, solche Menschen stört die Fliege an der Wand – nie können sie mal den Kehrwert von Null existieren und das Universum ein gutes Mädel sein lassen…

Dya. …und genau das gelingt den Antjes. Sie sind optimale Anspielpartner für unseren Freund: Strubbelchaotischer Dichter-Technologe versus kunstinteressiertes, gesetztes Ehepaar vom Lande –

Zouzou. – welches Curiepolis versteht, indem sie es nicht krampfhaft verstehen wollen. Sie sehen es und seinen Erschaffer als sympathische Kuriosa und lassen sich zum Spaß ein Stückchen in das Paralleluniversum des Dichter-Technologen hineinziehen.

Dya. – welcher die Rolle des urbanen Exzentrikers mit genüsslicher Hingabe spielt!

Annika. Hihi. Schade aber, dass er es nicht geschafft hat, ihnen vorzulesen.

Dya. Hat er schon noch, keine Sorge. Die Lesung im etwas größeren Kreis, bei einem befreundeten Eherpaar in der Nachbarschaft, versenkt er zwar im Gras – man unterhält sich dennoch blendend –, bei anderer Gelegenheit liest er der Frau Antje das Ronny-Heßling-Kapitel und später beiden die Altstadt-Episode vor: Mit dir (Annika) im Abenddämmer unter der Straßenlaterne. Die Texte gefallen den Antjes ausgezeichnet.

Annika. Das Ronny-Heßling-Kapitel auch? Man würde denken, dass Anthroposophen allergisch reagieren, wenn es gegen die Antiatomlinie geht.

Dya. Extreme Anthroposophen sind die Antjes wohl nicht – sie existieren im Dunstkreis von Erde-die-uns-dies-gebracht und Weleda, aber ohne das Ganze hagebuttenteeernst zu nehmen. Mit dem Kernkraftthema hat der Dichter-Technologe in Wewelsfleth bereits bemerkenswerte Erfahrungen gemacht: mit Elfriedes Freundin, jünger als sie, älter als der Dichter-Technologe, ganz zu Beginn seines Aufenthalts im Döblin-Haus zu Gast für ein Juliwochenende, hat er sich drüber unterhalten. Die Freundin hat zunächst mit selbstverständlicher Ablehnung von dem nahen Kraftwerk gesprochen – {damals in den Siebzigern, da war ich bei den Demonstranten auf der Wiese dabei, wir haben schon damals gewusst, dass das Mist ist!} – unser Freund kaum drauf reagiert. Die Dame findet er sympathisch, und seiner Erfahrung nach macht es nur böses Blut, in Kernenergiefragen (oder irgendwelchen Fragen, tihi!) unnötig auf Konfrontationskurs zu gehen. Später, beim gemeinsamen Abendessen im Garten, bemerkt er beiläufig, dass, wie allgemein bekannt, das Problem des Leichtwasserreaktors nicht eventuelle Leistungsexkursionen seien – diese unterdrücke ja der positive Temperaturkoeffizient –, sondern die Abfuhr von Nachzerfallswärme – da hat die Freundin gestutzt, ihn mit Habachtblick gemustert. {Jetzt versteh ich, wieso man sich bei der Ahdeekaa für Sie entschieden hat: Sie können das} – Geste in geschätzte Kraftwerksrichtung – {so – so mathematisch erklären.} {Ja, und dass ich mich komplett in mein Projekt hineinknie!} – der Dichter-Technologe, ernstcharmant wie die wewelsflether Sommernacht.

Annika. Wie gings im Fall Antje aus?

Dya. Unser Held entschließt sich für die rücksichtsvollste Methode: Schickt eine kleine Vorwarnung voraus – einige allgemein als „die Gute Seite“ angesehenen politischen Bewegungen würden aufs Korn genommen. Solcherart mental gewappnet, lauscht die Frau Antje der Abendessensszene in der Casa Palmstroem mit Gefallen! Das sei {ein sehr guter Text!} Beim darauffolgenden Treffen kommt man auf das Thema Faschismus zu sprechen – die Frau Antje erwähnt, es gäbe ja auch ökologischen Faschismus, auch umweltschützerische Bestrebungen ließen sich bis zur Tyrannei steigern.

Hikari. Tihi. Chapeau, Dichter-Technologe! Er versteht es inzwischen wirklich, umsichtig vorzugehen… zumindest im Bereich der Rhetorik!

Dya. Nicht nur in diesem. Unser Held hat sich drauf verlegt, mit der Eleganz eines Schlafwandlers voranzuschreiten: Ohne längerfristige Vorausplanung, aber mit extremstem Chill – abgrundtiefe Ruhe: nix kann mir was! – den jeweils nächsten Schritt angehend, wobei ihm eine ungefähre Ahnung genügt, wo er im Endeffekt hin möchte.

Hikari. [flüsternd] Come with me, poet-technologist – come and die with me in Carcosa!

Dya. Durch seine Nachtspaziergangsphantasien geistern Bilder von Dichter-Technologen, die in südlichen Städten auf der Straße sitzen, auf angeschlagenem Laptop fanatisch weiterarbeitend an Curiepolis. Cyberpunk is now.

Hikari. Oder etwa doch der spanische Bürgerkrieg?!

Annika. Er hat in Wewelsfleth Peter Weiss gelesen, richtig?

Zouzou. Vermute: Mehr als nur gelesen? Die Irrfahrt des Erzählers durch das kriegsbrennende Europa ist ihm wie ein düsteres Spiegelbild seiner eigenen Abenteuer erschienen?

Annika. Ei nu! Wenn dem so war, dann sind seine Gedankensprünge wirklich – eigenwillig. Ich sehe nämlich den einen oder anderen Unterschied zwischen unserem Dichter-Technologen, der auf freiwilliger Basis draußen herumgondelt, und dem Ästhetik-Erzähler, der die Füße in die Hand nehmen muss, weil sämtliche faschistischen Kräfte Europas hinter ihm her sind.

Dya. Ja, die Frage: Was hat er gelesen? Die darf man bei Schriftstellern bekanntlich nicht einfach so überspringen, bei Dichter-Technologen noch viel weniger. „Die Ästhetik des Widerstands“: Seit er „Ulysses“ abgeschlossen hat – in der Wollschlägerübersetzung, das Original bleibt ein Projekt für die Zukunft –, ist das optisch unverkennbare Buch – kein anderer Roman der Welt hat dieses Format und ist zugleich orange [Hikari. Ui! Schon ein Berührungspunkt mit Curiepolis: einzigartiges Aussehen!] – sein neuester literarischer Achttausender. In Wewelsfleth gelingt ihm ein gutes Stückchen Aufstieg. Mit dem namenlosen Icherzähler des Romans flüchtet er aus Nazideutschland nach Spanien, um die Revolutionstruppen zu unterstützen, begegnet dort dem asthmatischen Arzt Hodann – ein Sexualforscher, hat sich eingesetzt für Lockerung der Sitten und für Eugenik: bei heutigen Linken aus historisch bekannten Gründen undenkbar, dieser Aspekt von Hodanns Ansichten kommt im Buch auch nicht vor. (Man möchte wissen, was Hodann von unserer Eugenetik gehalten hätte?!) Die Internationalen Brigaden werden von den Faschisten unter Zuhilfenahme der deutschen Wehrmacht zerschlagen, der Erzähler entkommt über Paris nach Schweden.

Hikari. Das ist, was außenrum passiert. Ich finde, es kommt bei diesem Roman auf die innere Handlung an: Wie er aus Kunst- und Literaturgeschichte die Grundlagen einer neuen, proletarischen Kunst zu entwickeln versucht. Dadurch wird die „Ästhetik“ für den Dichter-Technologen interessant!

Annika. Ebensowenig, wie Hodann den biologischen 3D-Druck vorauszusehen vermochte, konnte Marx – oder Adam Smith – sich eine ressourcenbasierte, vollautomatisierte Wirtschaftsform vorstellen! Unseren Freund fasziniert die Sprache, der politische Hintergrund lässt ihn eher kalt.

Dya. Nu, ihr habt beide ein Bissel recht und unrecht. Die Sprache der „Ästhetik“ begeistert den Dichter-Technologen. Sinfonisch strömende Sätze – anrollend, sich Bild auf Bild steigernd zum Stakkato, zur Detonation – oder herabsinkend zu lyrisch-flüchtigen Mondschatten, doch stets von äußerster Klarheit – so möchte er auch schreiben! Peter Weiss wird sein Mentor, als er eine Form für die Geschichte des Dr. Owlglass sucht:

Die Welt zerfällt zu scharfkantigen Schatten, die Welt ist nicht real, real sind die purpurroten Funken, die das Gesichtsfeld überfluten. Den Gegner zermalmen, mit einem Hieb aus der Existenz fegen, feuchtes Knacken zerbrechenden Lebens. Ringe von flammendem Nebel, sich verengend. Peitschendes Schnaufen des Wasserwerfers. Die Abenddämmerung detoniert in unerträglich flackerndem Gerase spinnenhafter Konturen und Glieder, Arm Bein Stirn Haar Rückgrat Schenkel Füße, schwarz und in grotesken selbstwidersprüchlichen Perspektiven zur Unkenntlichkeit verzerrt – das ist nicht mehr Westberlin, Bundesrepublik, Europa, Erde – eine bleigrau brennende Fiebertraumlandschaft, monströs unfassbar. Polizisten wie tollwütende Massen blasser, schmerzerzeugender Farben, vollgesogen mit Bösartigkeit, nur zum Schein menschenförmig. Laufen, das ist das Einzige, laufen in irgendeine Richtung. Klapp klapp klapp: wie laut die eigenen Schritte widerhallen, wie still es plötzlich ringsum ist. Klipp klapp klipp. Schuhsohlen auf Trottoirpflaster, eilende Schuhsohlen auf berliner Pflaster, ja, das ist wieder Westberlin, man läuft durch Westberlin, alles ganz alltäglich: Wollen wir einkaufen gehen? Wo bekommen wir das Geld für Jeans her?

Für Madame Bauchnabels visionäre Schilderung der Achtundsechziger- und Hippiebewegung bietet sich Peter Weissens Stil geradezu an.

Ich würde mich vor den Fries begeben, auf dem die Söhne und Töchter der Erde sich gegen die Gewalten erhoben, die ihnen immer wieder nehmen wollten, was sie sich erkämpft hatten, Coppis Eltern und meine Eltern würde ich sehn im Geröll, es würde pfeifen und dröhnen von den Fabriken, Werften und Bergwerken, Tresortüren würden schlagen, Gefängnistüren poltern, ein immerwährendes Lärmen von eisenbeschlagenen Stiefeln würde um sie sein, ein Knattern von Salven aus Maschinenpistolen, Steine würden durch die Luft fliegen, Feuer und Blut würden aufschießen, bärtige Gesichter, zerfurchte Gesichter, mit kleinen Lampen über der Stirn, schwarze Gesichter, mit glitzernden Zähnen, gelbliche Gesichter unterm Helm aus geflochtenem Bast…

Annika. Ui! Er nutzt jegliche Dichter-Technologie, derer er habhaft werden kann und die seine Zwecke erfüllt. Und das meine ich keinesfalls als Kritik.

Dya. Das ist noch nicht alles. Unser Held, wie er da am wewelsflether Hafen unter spätsommerlich kühlem Sternhimmel spaziert – auch er ist Vorkämpfer einer neuen Idee. Notabene kämpft er nicht unter Lebensgefahr – kein deutsches, italienisches Maschinengewehr ist auf ihn gerichtet –, doch unter, sagen wir: verschärften Bedingungen. Er selbst hat sie aus eigenen Stücken verschärft, sich freiwillig ins Vagabundenleben gestürzt.

Hikari. [zitiert] Er – der Maler Tombrock – verachtete meine Ausdauer in der Fabrik, um, für einen Hungerlohn, den Besitzern Mehrwert zu verschaffen, rief mich auf, ihnen die Arbeit hinzuschmeißen, zu vagabundieren, zu betteln und meinem Wunsch nachzukommen, zu malen und zu schreiben. Nur so, sagte er, wüst schimpfend, kannst du Anspruch darauf erheben, dich Prolet zu nennen.

Annika. Nur dass unser Held sich eben nicht Prolet nennt, sondern Dichter-Technologe!

Zouzou. Durchaus eine interessante Weiterentwicklung des Datencowboys oder Hackers oder Cyberpunks, oder wie man die Helden technologischer Neunzigerjahrephantasien sonst noch nennt.

Annika. [verträumt] {Wovon du sprichst, lässt Erinnerungen aufsteigen an das vergangene Jahrhundert, Morgendämmerung der Mikrocomputer. Wer damals einen Digitalrechner zu benutzen verstand, war ein Vorkämpfer, ein Mensch der Zukunft, der den Großen Mittag Sourcecodezeile für Sourcecodezeile herbeiprogrammierte…} Ei-ja-ja, der gute alte Dr. Korff!

Dya. Unserem Freund gehts darum, eine passende, künstlerische Ausdrucksform zu finden für den Großen Mittag. Der Ektropismus ist eine neue Philosophie, die von vielen vorangehenden Schriftstellern inspiriert ist: Nietzsche Fjodorow Wernadski Leary. Ebenso muss die ektrope Literatur sich ihre Werkzeuge bei den Giganten der Vergangenheit suchen, und diese dann verbessern.

Hikari. Oder völlig neue Werkzeuge schaffen! Ist das nicht das ultimative Ziel?

Dya. Richtig! Das Hochziel des Dichter-Technologen. (Ich hab übrigens Hunger.)

Annika. Jede Wissenschaftlerin hofft, ein bis dato unbekanntes Naturphänomen aufzuspüren, jeder Künstler ist auf der Suche nach neuen Geschichten und neuen Arten und Weisen, sie zu erzählen. Liebe Hausfrrrauen, heute wolln wierr Kifferrschmarrrn machen.

Zouzou. Tombrock unter teneriffischen Palmen!

[Sie erheben sich: na, dann auf in die Kombüse! – eine Rampe aus malvenfarben schimmerndem Computronium hinauf, einen langen zylindrischen Korridor hinunter, durch dessen transparente Wände eine Hügellandschaft aus grünem und rosarotem Pudding zu sehen ist, auf den Kuppen Haine von Marshmallowbäumen, in den Tälern schlängeln sich Bäche aus Sahne – schneeweiß glänzend im Lichtpastell des diamantnen Himmels –, drauf schwimmen Schafe und viktorianisch gekleidete Mädchen in Ruderbooten: Nanocluster, die kulinarische Berechnungen durchführen.]

[In der Kombüse.] Dya. [zückt eine große Steingutschüssel, bedruckt mit curiepolitanischen Lilien] Im Hause Antje ist man besorgt – zumindest von weiblicher Seite, Herr Antje reagiert auf Vorschläge wie: {Zur Not können wir auch dein Rückflugticket zahlen!} mit einer gewissen Skepsis: {Na, jetzt fährt er erstmal viertausend Kilometer nach Süden – lass ihn ziehen!} Nachts fröstelt der Dichter-Technologe. Er erinnert sich, wie seine Mutter ihm vor Jahrzehnten in Puerto de la Cruz eine Agavenblüte gezeigt und als {Nasen-Agave} bezeichnet hat. Fünfzehn Grad in kältester Winternacht: klingt beruhigend. In Hamburg kauft er sich einen Schlafsack, der sogar für kältere Temperaturen taugt, und eine Isomatte. Diese Dinger, die selbst zusammengerollt unbequem viel Platz wegnehmen, aber dennoch unverzichtbar sind, damit man eine gewisse Chance hat, unter freiem Himmel für ein paar Stunden die Augen zuzubekommen. Als er den Campingladen verlässt, hat es fast etwas ironisches, dass er, in der immer noch schwülen Septembernachmittagswärme, mit seinen Einkäufen beladen plötzlich aus allen Poren schwitzt. Eine neue Hose besorgt er sich noch und besucht natürlich das Arno-und-Alice-Schmidt-Denkmal. Hügelchen weißes Weizenmehl, zirrka ein Handbrreit hoch: so. Drrauf zwo Eierrchen ohne Schale.

Hikari. Hihi. Ich hoffe, wenn sie uns mal ein Denkmal setzen, dann mit realistischen Beinlängen! [Stellt eine Pfanne auf den Herd, um drin vier Streifen Speck anzubrutzeln.]

Dya. Ich bin mir sicher, der Dichter-Technologe wird bei Abfassung seines Testaments eine entsprechende Klausel nicht vergessen. Bei einer obskuren Reiseagentur, deren in unbeholfenem Deutsch abgefasste, aber mit geradezu gangstarapperhaftem Pomp aufgemachte Webseite ebensowenig Gutes verheißt wie die mißmutigen Google-Rezensionen frustrierter Kunden – {Wir saßen in Antalya fest!} –, kauft er sich ein Hinflugticket nach Teneriffa Süd. Zwo dicktrröffige Esslöffel Honig und n Sprritzerrchen Warmwasser, nurr’n kleinerr Schwupp. Keine Milch! Eierbecher halbvoll Olivenöl verrrrührren mit zerrpulverrtem Haze nach Gefühlsmaß und Vierrtelstund steh’n lassen.

Annika. Und dann heißts wohl wieder einmal: {Hey, was geht ab, wir reißen die Bude ab!} Ohne Rücksicht auf Verluste und sonstige Kollateralschäden wird das Lager zwölf Stunden vor Aufbruch mit hastigstem Enthusiasmus abgebrochen! Oder? [Schneidet auf einem Brettchen zwei kleinere Bananen in daumendicke Stücke.]

Dya. Diesmal unter der Randbedingung: Möglichst wenig mitnehmen – aber soviel wie nötig! Computer und Scanner zusammen – beide notwendig, um an Curiepolis weiterzuarbeiten – bringen bereits einiges an Masse mit. Malutensilien, Zahnbürste Zahnkrem Duschgelshampoo Wichtig!: Sonnenkrem, Minimalausrüstung an Kleidung, „Ästhetik“ und „Ulysses“ und nicht zu vergessen Schlafsack und sperrige Rolle: der Rucksack ist eigentlich bereits zu groß, zu schwer. Unser Freund macht den fatalen Fehler, aus der Tatsache, dass er sein Gepäck relativ problemlos hundert Meter weit zu tragen vermag, darauf zu schließen, dass dies auch über fünf Kilometer oder mehr möglich sein müsse. Frau Antjes besorgte Vorschläge: {Brauchst du nicht noch dies? Noch das?} sind lieb gemeint, aber nicht wirklich hilfreich.

Zouzou. Ja, ein altes Problem: Jemand reist ab – jeder fragt ihn, ob er alles dabei habe, ob nicht noch das und das und das mitmüsse! Stattdessen wäre es nett, zu fragen: Wird das wirklich alles benötigt? Willst du das Sousaphon und den Schaukelstuhl nicht lieber daheim lassen?

Hikari. Tihihi, oh ja. [Gibt Speck und ein Spritzerchen Ölivenöl in die nun heiße Bratpfanne.]

Annika. Er hat also einen Haufen Sachen im Döblin-Haus geparkt? Einschließlich vieler Bücher?

Dya. Die Bücher stellt er, frei zur Verfügung für zukünftige Stipendiaten, in die Bibliothek, eine Tasche mit Schuhen, Bildern, DVD-Rohlingen und weiteren Sachen kommt in den Verschlag zwischen Bibliothek und Küche: Da und dort grenzen die Zimmer im Erdgeschoss des Hauses nicht direkt aneinander, dazwischen befinden sich Hohlräume, die als unauffällige Schränke bzw. Abstellkammern dienen. Bananenstücklein plus gehäufte Handvoll Marrrrschmällou zum Speck in die Pfanne, bissel Honig drrübrr und schön karramällisierrrn.

Hikari. Hat er sich von seinen zwei Mitbewohnerinnen nett verabschiedet?

Dya. Er trifft sie nicht an, als er Lebewohl sagen will, hinterlässt stattdessen zur Erinnerung an Curiepolis und sich eine riesige, auf von den Antjes spendiertes Packpapier geklebte Collage aus Curiepolis-Bildern und Testdrucken. Du, Annika, prangst an prominentester Stelle. [Annika. Gnihihi…] Neben einige andere Kunstwerke früherer Stipendiaten hängt er sein Werk, gut sichtbar für alle treppauf treppab steigenden Hausbewohner und Gäste. Die Addresse der neuen Curiepolis-Homepage darf, handgeschrieben, nicht fehlen. Rrrrührrig das Öl plus Haze einrrrührrn nun, und alles krräftig durrchschneebeesn: Wirr wolln zähfließenden Teig, weichärr als Kuchenteig, aber viel viskosärr als landläufiche Eiärrkuchnsuppe.

Annika. Och, ich find, das war eine nette Geste – vielleicht entschließt die Sonja sich ja doch noch, seiner Einladung zum Spielen in seinem Paralleluniversum zu folgen.. man weiß ja nie. Allerdings: Der ganze Krempel, den er da zurückgelassen hat – einschließlich Schuhe und Wüstlingsspindel!, wie fand denn das die gute Hausdame Desirée? Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass sie bezaubert war.

Dya. Tihihihihi. Sagen wirs so: Der Dichter-Technologe reizt die Hilfsbereitschaft seiner Mit-Sapiens in der Regel nicht komplett aus – greift aber gern mit beiden Händen zu, wenns darum geht, sich helfen zu lassen. Mit seinem Masseabwurf – wie in dem einen Uralt-Sciencefictionfilm muss man sichs vorstellen: sie werfen da alles, was nicht unbedingt benötigt wird, aus einem Mondlandeschiff heraus, da sie beim Abstieg zuviel Reaktionsmasse verpulvert haben – und der Umleitung seiner Post ins Döblin-Haus für die kommenden Monate geht er zweifellos an Frau Tiedemanns Toleranzgrenzen.

[Gemeinsam stülpen sie den Teig mit großem Hihi in die schmurgelzischende Pfanne zu Bananen, Speck, Marshmallowpaste.]

Hikari. Sie hat ihn doch aber bestimmt dennoch in freundlicher Erinnerung?

Dya. Klar. Die Hausdame und der Dichter-Technologe haben sich mehr als einmal zugezwinkert. Wahrscheinlich hat sie selbst dann, als sie den von ihm hinterlassenen Shampooflaschenfriedhof in der Dusche gefunden hat, lediglich entnervt mit den Augen gerollt. Schon von Fuhlsbüttel aus entschuldigt er sich, via SMS, für den unter Seifenkrusten schlummernden Friedhof. Beidseitig brrratn bis allseitig joldjelb; beim Wenden ärrfolgt fast unwaigrrlich Schmarrrnisierung.

Annika. Er ist unterwegs! (Ist {joldjelb} nicht danziger Dialekt?)

Dya. Von Frau Antje zum Bahnhof Glückstadt chauffiert, mit dem Zug zum Flughafen – eine Stunde steht er am Checkinschalter an, die Fluggesellschaft erlaubt kein Onlinecheckin – dann hinein in die Aluminiumtube! Er hat einen Gangplatz, so dass ihm wenig anderes übrig bleibt, als abwechselnd zu lesen und zu dösen. In der Reihe vor ihm erklärt ein Vater seinem Kind, dass man die Flügel der Maschine über dem Rumpf zusammenbiegen könne, ohne sie abzubrechen. Das hat er nicht gewusst, es beeindruckt ihn, falls wahr.

Hikari. Man kann auchch pikanten Kifferrrschmarrrn machn: Mit Apfelstückchen und Gouda statt Bananen und Marschmällous.

Zouzou. Die Reise des Dichter-Technologen! Dritter und strapaziösester Teil der Strapazen.

[Sie setzen sich an den Kombüsentisch und beginnen in aufgeräumter Stimmung zu speisen.]

Hikari. Ich hör so’n kehliges Wummern. Was ist denn das?

Annika. [mit vollem Mund nuschelnd] Ein Schiffsdiesel, glaub ich. Fernab in der Nacht.

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Autor: Curiepolis

Dichter-Technologe

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