Fahrten und Abenteuer des Dichter-Technologen. Der Strapazen erster Teil.

Das Jahr 2018 war das bislang aufregendste meines Lebens. Am 2. Juli verließ ich Berlin, um zum Alfred-Döblin-Aufenthaltsstipendium nach Wewelsfleth zu fahren. Was weiter geschah, erfährt die Leserin von Annika et al., die sich im Salon der Lise Meitner über die Reise des Dichter-Technologen unterhalten.

(Anm.: Die Namen einiger beteiligter Personen wurden verändert.)

Annika. Das Beste soweit: ganz klar diese Kernkraftwerkswerktorepisode! Ich hätte zu gern die Gesichter der Kontrollettis gesehen, als sie den Dichter-Techologen auf dem Überwachungsmonitor eräugten.

Zouzou. Oder das Gespräch in der Zentrale gehört.

[Sie spielen Komödie, ihre Stimmen — mit begrenztem Erfolg — tiefer und rauher machend, um die Tonlage kantiger Kernkraftwerkssicherheitskameraden zu imitieren.]

Dya. Franz! Auf Monitor sieben: Was ist das für ein Kerl?

Annika. Au Backe. Langhaariger direkt vor dem Werkstor.

Dya. Sieht mir verdächtig nach Ökofritze aus. Siebziger-Oldschool: wollköpfiger Zausel mit Doktorgrad in Philosophie oder so.

Annika. Aber der Kleidungsstil, alle Achtung. Wie der in die Abenddämmerung grinst: als ob nix auf der Welt ihm was könnte.

Dya. Schlendert zum Leuchtturm rüber…

Annika. …bleibt am Wassergraben stehen, augäpfelt verträumt über die Absperrung. Oberverdächtig! Hans, meinst du, wir sollen mal nach dem Rechten sehen?

Dya. Nu, weiß nicht. Lohnt sichs? Er schusselt bloß so gedankenverloren durch die Gegend. Wir haben in zwanzig Minuten Feierabend. Ich will nachhause, Abendessen, Fernsehkrimi, Bett.

Annika. [düster] In vier Jahren haben wir dauerhaft Feierabend.

Dya. Erinnre mich nich… die Deutschen bilden sich ein, ohne Hochtechnologie leben zu können. Seis drum, ich geh zur Flughafensicherheit in Fuhlsbüttel, die nehmen Unsereins mit Handkuss.

Annika. Hmpf! Hab das Kraftwerk im Lauf der Zeit liebgewonnen… das ist mein! Kraftwerk, habs höchstpersönlich beschützt! Man hat die Leute indoktriniert, es zu hassen. In Deutschland ist Hopfen und Malz verloren, das ging los in den Siebzigerjahren, als die Langhaarigen auf den Trichter kamen, Karriere zu machen.

Dya. Unser Kandidat hier sieht mir allerdings weniger nach Marsch durch die Institutionen aus als nach abendwolkigem Gedankenspielspaziergang. Trottet zurück zum Haupteingang.

Annika. Na. Wir haben hier immerhin eine Aufgabe und erst in einer Viertelstunde Schichtende. Also.

Dya. Wie du meinst, Franz. [Macht mit der Stimme Geräuscheffekte] Klapp, klipp-klapp-klipp — energische Schritte auf Beton. Fangen wir ihn auf dem Parkplatz ab. Da ist er schon. Moin-moin, der Herr!

[Wieder mit normalen Stimmen.]

Zouzou. Und dann: stellts euch bildlich vor! Unser Held dreht seinen wolkigen Wollkopf mit behaglicher Langsamkeit rüber — zwo Weihnachtsbaumaugen, grüne Iris auf rosaroter Cornea, strahlen tiefenentspannt den Sicherheitsfritzen entgegen.

Dya. Die haben mit Vielem gerechnet, mit einem zehnminütigen Spontanvortrag über Höchsttemperatur-Schnellspektrum-Flüssigbrennstoffreaktoren wohl kaum. [Zückt extralange Langpapiere — zwanzig Zentimeter -, Filterkartönchen, Leichttabak, Kräutermühle und extra starkes curiepolitanisches Protactinium-Haze und beginnt, sorgsam zu drehen.]

Hikari. Eins versteh ich nicht: Warum ist er beim Institut für Festkörper-Kernphysik ausgestiegen? Das Dual-Fluid-Projekt interessierte ihn doch. Scheint sogar sehr stolz drauf gewesen zu sein.

Dya. Nu, verkürzt gesagt: Unsere Geschichte interessierte ihn eben noch tausendmal mehr.

Zouzou. Beim Ihäffkah konnte er sich nicht austoben. So ein Dichter-Technologe muss sich austoben können, sonst bekommt er Klaustrophobie. Webseitentexte über die Vorteile pyrochemischer Prozesseinheiten verfassen — schön und gut, aber auf Dauer eintönig. Wenn er Geschichten über uns schreibt, steht ihm ein ganzes Multiversum als Sternhimmel für sein Phantasiefeuerwerk offen.

Annika. Freedom, bitches! Hat er sich gedacht, als er, Tage vor seiner Abreise, im grünen Frohnau zwischen alten Parkbäumen bekifft umherflanierte, gnihi.

Dya. Respekt vor diesem Menschen! Sowas nenn ich „Alles-oder-nix-Mut“: Ihm ist klargeworden, dass er, um unsere Abenteuer in einer Form, die ihn künstlerisch befriedigt, zu Bildschirm zu bringen, seine komplette mentale Leistungsdichte drauf fokussieren muss.

Annika. …und sprengt, kaa-wumm!, sämtliche Brücken hinter sich in die Luft.

Hikari. Ja, Respekt — aber, Hilfe! Keinen Funken eines Plans für die Zeit nach dem Stipendium. Wohnung weggeschenkt an einen neuen Ihäffkaa-Mitarbeiter, Bücher eingekistet in der Abstellkammer. Aufbruch ins Blaue, ohne Netz und doppelten Boden — Mut und Wahnsinn eng umschlungen!

Dya. Kunst und Mut und Wahnsinn sind unzertrennlich. Als er die letzten Vorbereitungen zur Abreise aus Berlin-Frohnau trifft — in bester Fabianherrmannmanier: kurz vor knapp mit dem Packen angefangen — solide aufgedrehte Filmmusik als Soundtrack — nichtbenötigte Sachen holterdipolter ohne System in Kartons gestopft — Lieblingsbücher als Postpaket nach Wewelsfleth — „Reißt die Hütte ab — reißt die Hütte ab! Ganz ganz schnell, gleich wirds hell.“ (So muss man sich das vorstellen, ein Dichter-Technologe liebt Aufbrüche über alles!)… da berauschte ihn das Wagnis, alles für die Kunst zu geben. Das größte Abenteuer überhaupt! Das erregte ihn wie — ähüm! — wie Sex.

Annika, Hikari, Zouzou [und — nach einigen Sekunden auch einsetzend:] Dya. Tihihihihihi…!

Annika. Lass mich mal rekapitulieren. Ahalso. So’n typischer Fabian Herrmann: Letzte Nacht vor der Abfahrt durchgemacht — packen, einkisten, putzen, die Souterrainwohnung des Geschäftsführers mehr oder minder in den Ausgangszustand versetzen, dann in glühender Müdigkeit und Erregung und Junimorgenhitze auf und davon mit dem Ihzääee gen Hamburg, Erwägungen wie Weiterfinanzierung des Daseins post Wewelsfleth und zukünftige Wohnung lässt man getrost in Berlin zurück. Man macht mit der Zukunft ernst!

Dya. Was immer die Zukunft bringen mag — die ektrope Philosophie und vor allem Wir-Vier: seine Gammastrahlen-Halbgöttinnen! werden ihm helfen, jegliche Schwierigkeit zu überwinden. [Betrachtet stolz die fertig gewickelte Großtüte. Brennt an, nimmt einige behutsame Züge.]

Zouzou. Ewiger Blick zum Horizont. Schon in einstelligem Alter pflegte er ja, seinen Eltern auszubüxen — auf Gran Canaria, in Bad Godesberg brauchte seine Mutter nur ein paar Sekündchen wo anders hin zu blicken, da war das Kind über alle Berge. Mit dreizehn wollte er mit seinem Optimisten den Rhein runter und über die Nordsee nach England. Mit acht-neununddreißig nun — niemand mehr dazu befugt, ihn einzufangen, da kann er unbesorgt sein Wanderbündel schnüren.

Hikari. Ooohh. Romantiker durch und durch. Reise ins Blaue, Heldenfahrt hinaus in eine chaotische Welt! Irrsinnig mutig — aber ich, ich hätt schon so’n bissel geschimpft mit ihm: Ist doch riskant, keine Ahnung zu haben, wo man ab Oktober wohnen wird. In Westeuropa: die haben da doch strenge Winter! Und keine ressourcenbasierte Wirtschaft, heißt: Ohne Blechchips und bunte Papierstückchen gibts kein Frühstück. Ich hätt ihn an’n Küchentisch zitiert — ihm ne Schale Kakao mit Schlagsahne hingestellt — und ein ernstes Wörtchen geredet: Vorsicht Umsicht Vorausplanung!

Dya. [Stößt zwo lange Rauchfedern durch die Nase aus, reicht weiter an Hikari.] Und er hätte genüsslich deinen Kakao gelöffelt — ohne die Sahne unterzurühren, oh nein: auf jedem Löffelchen Trinkschokolade n Flöckchen Sahne obenauf, so macht man das! — und dir andächtig in die Augen geguckt — und wär dann seelenruhig absegelt nach Wewelsfleth, ohne Netz und doppelten Boden.

Hikari. [Empörtentzückte Rauchstrudel schnaubend] Oohhh! Das wär so gemein und süß!

Annika. Mm, ich glaube übrigens nicht, dass er die Einordnung als Romantiker — er befindet sich also im Zug. Schnellfahrstrecke durch flachstes Flachland nach Nordwesten. Wie’s deutsche Pseudohochgeschwindigkeitszüge so an sich zu haben scheinen, streiken die Klimaanlagen und das Kühlaggregat im Speisewagen, so dass unser Held schwitzen und mit knatschigem Mikrowellengulasch Vorlieb nehmen muss.

Dya. Primaten-Technik, ha.

Zouzou. Nu, also, jetzt — Dya!

Annika. Dennoch genießt ers, mit zweihundertfünfzig Kaämmhaa der Zukunft entgegenzufliegen. Döst ein wenig. Schwappt sich, autsch! — mit fahriger Handbewegung aus Halbschlaf erwachend, den Milchkaffee übers Hosenbein. Aufm Zugklo die Hose wechseln — so dass er der wewelsflether Hausdame Desirée Tiedemann am glückstädter Bahnhof fesch entgegenzutreten vermag. Mit dem Auto gehts über die Brücke am Störsperrwerk nach Wewelsfleth. Idyllisches Dörfchen.

Dya. Zum ersten Mal seit fast zwanzig Jahren weht ihm Kuhdungaroma um die Nase, wenn er aus der Haustür tritt.

Hikari. Hausdame Desirée, das klingt so schön viktorianisch… Was ist denn das für eine Dame?

Dya. Füllige, sanfte Person mit Engelsgeduld — das braucht man, wenn man ein Künstlerhaus voll Künstler beaufsichtigt. Zeigt sich aus Sicht des Dichter-Technologen etwas zu sporadisch im Alfred-Döblin-Haus — notabene: aus seiner Sicht! Wir wissen alle, wie gern so einer sich betüddeln lässt, der hätte es geschätzt, wenn die Hausdame ihm jeden Morgen zum Frühstück (also gegen vierzehn Uhr zirka) eine Schale Kakao mit Schlagsahne hingestellt, ihm seine von felsblocktiefem Schlaf verspannten Schultern massiert und sich dazu einfühlsam mit ihm unterhalten hätte. (Das wäre für Hikari der richtige Beruf, was? (Hikari. Hmhmhmhihihihi… [wird rot])) Die Gute lauscht seinem leichtherzigen Bekenntnis, {noch gar nicht so genau zu wissen}, wo er nach dem Stipendium wohnen werde, und findets toll: der Schriftsteller als spätromantischer Tunichgut! Chauffiert ihn bis vor die Villa Grassimo, genauer: man parkt auf der asphaltierten Freifläche zwischen Döblin-Garten, Kirchhof und Dorfladen, die sich unserem Helden als zentrales Element der wewelsflether Geografie einprägen wird. Mit vereinten Kräften bugsieren die Beiden das Dichtertechnologengepäck ins Döblin-Haus, ins erste Obergeschoss, dorthin, wo Günter Grass seinen „Butt“ schrieb — dort wird er sich der Niederschrift und Illustration unserer Geschichte widmen.

Annika. Hey-hey — nich unebn! Obwohl er ja, soweit ich weiß, gar kein ausgesprochener Günter-Grass-Fan ist. Wer wohnt denn sonst noch im Haus? Insgesamt drei Künstler, richtig?

Dya. Je einer im Erd-, im ersten Ober- und im Dachgeschoss — wobei der Erdgeschossler je nach Geschmack auch ein Schlafzimmer im ersten Stock nutzen kann, treppenhausweise gegenüber vom Dichtertechnologendomizil. Dies tut die momentane Bewohnerin, Friedrike Fröhlich, jedoch nicht — die greise Dichterin verzichtet auf unnötiges Treppensteigen, schläft im Arbeitszimmer, nur durch eine dünne Holzwand von der Gemeinschaftsküche getrennt. An Elfriede fällt unserem Helden von Anfang an ein extrem fragiles Nervenkostüm auf — die Stipendiatin zeigt sich abwechselnd überschwänglich freundlich und extrem penibel: bietet erst Eis an, schimpft dann, wenn man beim Übereinanderstapeln des Geschirrs zuviel Lärm erzeugt.

Zouzou. Lass mich raten: Hier bahnen sich Konflikte an.

Dya. Ähüm. Elfriede Fröhlich versus Dichter-Technologe, deathmatch. Kommen wir noch zu.

Hikari. Wer wohnt im Dachgeschoss? [Reicht den Joint weiter an Annika.]

Dya. Andreas Baum, Romanautor — und ab und an dessen aus Berlin anreisende Frau. Mit diesen Beiden versteht unser Freund sich ausgezeichnet. Andreas gehört zu jenen angenehmen Menschen, die selten starke Emotionen zeigen, aber nicht aus Kaltblütigkeit, sondern weil sie in sich ruhen. Jeder Satz, den er äußert, scheint von vorangehendem Nachdenken getragen. Man fühlt sich an einen gutmütigen Bären erinnert, der unter arktischer Frühlingssonne auf einer Wiese döst.

Annika. [Zieht tief, lässt den Rauch ein gutes Weilchen in der Lunge. Dann, gemächlich ausschnaufend:] Wie lebt unser Freund sich nun in Wewelsfleth ein? Was erforscht er, wovon ernährt er sich, wie kommt er mit den Dorfbewohnern zurecht?

Dya. [nach kurzer Nachdenkpause] Man versteht es am besten, wenn man sich zunächst die physische Umwelt vor Augen führt. Dieses Alfred-Döblin-Haus — schlankes Fachwerkhaus aus dem achtzehnten Jahrhundert, die Balken bemalt in für Norddeutschland untypischen warmen Farben, das Dachgeschoss ummantelt mit auf den ersten Blick als modern hervorstechender Holzverschalung — Kirchspielvogtei, Kolonialwarenladen, neunzehnhundertsiebzig von Günter Grass gekauft, der es neunzehnhundertsechsundachtzig der Stadt Berlin als Domizil für vielversprechende Schriftsteller vermachte — gerüchtehalber, um vor dem im Bau befindlichen Kernkraftwerk Brokdorf zu fliehen. Das Döblin-Haus also! rechts zentimetereng an ein modernes Wohnhaus geschmiegt, links, wo ein Gebäude abgerissen wurde, befindet sich eine Wiese, die mit dem Garten hinterm Haus ein L-förmiges Grünstück ergibt, von dem asphaltierten Platz, auf dem unser Freund angekommen ist, durch einen niedrigen Zaun getrennt, über den man mit beherztem Beinschwung hinwegkommt: die einfachste Art, das Haus zu verlassen — aus der Küchentür raus, über die Wiese und, schwupp!, übern Zaun — so wird der Dichter-Technologe das meist machen.

Hikari. Wie sieht es von innen aus?

Dya. Ei, sein Hauptreiz besteht darin: Man fürchtet halb, es könnte jeden Moment in sich zusammenstürzen. Ein Holzhaus mit niedrigen Türrahmen — gut, dass der Dichter-Technologe inzwischen gelernt hat, nicht zu schimpfen, sondern den Schmerz an der Stirn zu ignorieren -, Hitze- und Kältedämmung kaum vorhanden. Zugleich strahlen die weitläufigen Zimmer etwas Luxuriöses aus: So dass man sich vorstellen kann, in einem charmanten uralten Landhotel abgestiegen zu sein, das seinen welkenden Glanz trotzig gegen alle Angriffe der Entropie verteidigt. Betritt man das Haus von vorn, kommt man in einen schmalen Durchgang, an dessen rechter Seite man die Verkaufstheke des Kolonialwarenladens, die Wandregale voller Fächer für die Waren noch sehen kann — der Zwischenraum, in dem sich die Verkäuferin aufhielt, dient als Abstellplatz für die hauseigenen Fahrräder -, links geht es in die Bibliothek, geradeaus, durch eine Tür mit Glasfenster, in die aus zwei Räumen bestehende Essküche. Zwei Stufen führen in Elfriede Fröhlichs Arbeitsundschlafzimmer, rechts davon, neben der Herd-Spülbecken-Kombination, findet sich die Tür zum Garten. Linkerhand die Treppe ins Obergeschoss — rechts haust der Dichter-Technologe, eine schmale Stiege bringt einen auf den Dachboden zu Andreas Baum. Schauen wir uns jetzt mal an, wie es draußen aussieht. Wir setzen uns unserem Helden auf den Kopf [Hikari kichert]: der macht gerade, vor wenigen Stunden angekommen, seinen ersten Spaziergang, der ist wichtig für ihn — er muss die Landschaft kennenlernen, sich klarmachen, wo er eigentlich ist!

Annika. [reicht den Joint weiter an Zouzou] Er macht also diese Küchen-Gartentür auf und schnuppert Landluft.

Dya. Zunächst scharf-süßliches Mülltonnenaroma, die Abfallkübel stehen neben der Tür — arme Primaten: nicht auszudenken, man lässt Müll in Behältern in der Hitze verrotten!, statt ihn ins Plasmagebläse zu werfen -, dann Kuhdungschwaden, treibend in der scharfen Meeresbrise — die Nordsee ist ja nur wenige zehn Kilometer entfernt. Unser Freund überquert die Wiese, auf der gelbe Schaumgummikrumen liegen, von einem Ball, mit dem der Hund des Gärtners gespielt hat — und fühlt sich mit einem Mal ruhig! So unglaublich unglaublich ruhig: die Umgebung ist weitläufig, reizarm — das Gegenteil von Berlin: man begegnet selten Menschen — kann kilometerweit laufen, ohne auch nur eine Nase zu sehen, das spürt der Dichter-Technologe, bevor er überhaupt das Grundstück verlassen hat und fühlt sich glücklich.

Hikari. Er ist doch aber eher ein geselliger Mensch?

Dya. Klar ist er das. Bekommt gegen Ende seines Aufenthalts sogar eine Art Einödkoller, mangels Mitmenschen — aber das Gefühl, sich in einer leeren, ruhigen, offenen Landschaft frei bewegen zu können, das fehlte ihm in Berlin.

Annika. Nach anderthalb Jahren Hauptstadt hatte er wohl Sehnsucht nach weiter, wandernder Luft?

Dya. Wewelsfleth ist die richtige Umgebung, um seine Kreativität laserartig zu verstärken — und zwar nicht nur für die Dauer des Aufenthalts selbst.

Zouzou. Hat er nicht den größten Teil seiner Kindheit und Jugend auf dem Land verbracht? Gaienhofen am Bodensee.

Hikari. Dann wars für ihn eine Heimkehr, richtig? Er war wieder zuhause.

Dya. Da mag was dran sein: Obwohl viele seiner Erlebnisse in Gaienhofen keinesfalls idyllisch waren, erinnert er sich heute gern an diese Zeit, vor allem an seinen ersten Rechner, endloslange Hundewanderungen im Wald, an die Grundschule. Eine solche findet sich auch in Wewelsfleth. Nach dem Übersteigen des Zauns wenden wir uns nach rechts, öffnen das kreischende Metalltor zum Hof der winzigen rotlackierten Holzkirche — der Pfarrer sollte mal ein paar neue Glocken bestellen — so denkt der Dichter-Technologe, als er den scheppernden Klang des Uhrturms hört: Löffel gegen Blechteller. Lohnt sich aber wohl nicht: Atheisten-Land, nur noch eine Handvoll älterer Damen besuchen den Gottesdienst. Die Gräber sehr sauber und modern. Hinter der Friedhofshecke finden wir eine ruhige Parallel- zur Hauptstraße, angrenzend die Grundschule Wewelsfleth, sommerferienhalber verwaist. Ja, der Dichter-Technologe spürt gaienhöfische Erinnerungen aufsteigen, Bilder Geräusche Gerüche — aber das norddeutsche Dorf unterscheidet sich in vielem massiv von jenem am Bodensee. Ein wichtiger Unterschied steckt schon im Namen: Ein „Fleth“ oder „Fleet“ ist ein in die Elbe mündender Wasserlauf. Die Umgebung ist zerschachbrettet von Bächen, Abzugsgräben, weswegen man, anders als in Gaienhofen, nicht einfach so einen Spaziergang in eine beliebige Richtung beginnen kann, man ist gezwungen, einen der wasserlaufparallelen Wege zu wählen, was wir nun tun — zurückgeschlenkert an die Hauptstraße, passieren wir den Landgasthof Lüders — versprechen uns, nachher dort einzukehren und folgen einer Stichstraße, die an einer Baustelle vorüber in die Felder führt. Auf einem Steg überquert der Dichter-Technologe einen Abzugsgraben, steht auf einer Weide — links lässt sich als schmaler gelbgrüner Streifen in wenigen Kilometern Entfernung der Elbdeich ausmachen, weiter nordwesthorizontwärts — nu, ganz eindeutig: Kuppel Abluftkamin Hochspannungsmasten kein Kühlturm dank Fluss mit hohem Wasserdurchsatz. Der Dichter-Technologe legt sich ins Gras auf den Rücken, lässt sich den Sommerwind um die Nase brausen, brennt sich’n Joint an. [Pflückt sich selbigen aus Zouzous Fingern, beäugt die schon stark heruntergebrachte Tüte kritisch — müssen die immer so gierig sein? — zieht energisch. Während sich der Rauch aus ihren Nasenlöchern ringelt:] Er hat vor der Abreise einige Tage lang nicht gekifft, sein Gehirn ist frisch und empfänglich — schon der erste Zug im Kopf spürbar, warm wirds in den Gliedern, die Welt flimmernd, irisierend schwebend. Wie seltsam es sich hier draußen ausnimmt. Berlin — noch heute früh hat er sich dort aufgehalten — dreißigtausend Parsec entfernt, Wewelsfleth eine neue Realität mit eigenen Gesetzen. Neuro-Gluonik. Erstes Mal, dass die beiden Hochtechnologien sich in ein- und derselben Situation des dichtertechnologischen Lebens begegnen. Noch nie zuvor hat er in Sichtweite eines Kernkraftwerks Gras geraucht, er beschließt, demnächst einen Spaziergang bis zur Anlage zu unternehmen.

Annika. Was er dann ja auch getan hat, tihi!

Hikari. Wie gefiel ihm der Landgasthof? Dieses Thema ist ja sehr wichtig für die Tlön-Realitätsebene.

Dya. Kulinarisch ist der Gasthof — auf der leicht enttäuschenden Seite von mittelmäßig. Die Küche hat schon geschlossen, es gibt allerdings noch hausgemachte Pizza — nicht ganz übel, auch keine gastronomische Großtat. Er wird dem „Lüders“ später noch eine weitere Chance geben — doch auch die Steaks sind weder schrecklich noch erinnerungswürdig. Zum ersten Mal seit zirka dem Jahr Zweitausendeins wird der Dichter-Technologe in Wewelsfleth mangels Gelegenheit und Anreiz nicht einen substanziellen Teil seines verfügbaren Geldes für Speiselokalbesuche aufwenden.

Annika. — so dass man sagen kann: Die Entscheidung eines Gasthofs, einen leicht untermittelmäßigen Küchenchef einzustellen, war dafür verantwortlich, dass unser Freund Ende September noch genug Geld übrig hatte, um auf Europa-Tournée zu gehen. Egal, ob es die Kausalität wirklich gibt oder nicht, sie ist ein drolliges Ding!

Dya. Während unser Held auf seine Pizza wartet, eräugt ihn Elfriede Fröhlich, die sich auch im Gasthof aufhält: Sie begreift gleich — das muss der neue Stipendiat sein, der gerade angekommen ist — mit solcher Kleidung, solchen Haaren, solcher Silhouette kann es sich um keinen Dörfler handeln.

Hikari. Egal, was mit der Dame sonst los sein mag — sie verfügt über eine wache Beobachtungsgabe!

Dya. Der Dichter-Technologe begegnet ihr später in der Küche des Alfred-Döblin-Hauses. Sie überhäuft ihn mit klebriger Nettigkeit, Unterwürfigkeit geradezu — willst du noch dies, noch das, noch Eiskrem?, du Armer, jetzt ist dir was runtergefallen… das ist ihm unheimlich, er fragt sich heimlich, ob sich der siebte Frühling der Greisin gerade über ihm entlädt, oder ob sie in ihm eine Art Kindersatz sieht.

Zouzou. Hm-hm. Das kann man verstehen, dass ihm da gruselig zumute war.

Annika. Gabs schwerwiegende Kollisionen? Hast schon sowas angedeutet.

Dya. Der erste durch Elfriede hervorgerufene Zwischenfall trägt sich noch vor der Ankunft des Dichter-Technologen zu: Sie trifft Vorbereitungen, ihren schwerkranken Mann — ein Bein hat man ihm amputiert: Brrr, Medizin im Primatenstadium — aus dem Krankenhaus zu entführen und im Döblin-Haus einzuquartieren. Andreas Baum erfährt davon, benachrichtigt Hausdame Tiedemann, diese die Ahdeekaa — man ist not amused. Elfriede schreibt wütende Emails an Andreas — wenn ihr Mann stürbe, habe er, Andreas, ihn indirekt auf dem Gewissen…

Annika. Ähüm. Nu okay, ich kann jetzt ’n bissel verstehen — n geliebter Mensch schwerkrank! Klar, dass die Elfriede — wie könnt man sagen? nicht ganz sie selbst war.

Hikari. Verstehen, ja schon — aber gut, dass diese Umquartierungsaktion verhindert wurde: daran wär der Mann doch gestorben! Ohne Ärzte und Schwestern und Medizin, in nem zugigen Holzhaus an der Küste! Entschuldigung, aber die Elfriede hätte ihn dann selbst auf dem Gewissen gehabt.

Annika. Mit unserem Helden gabs weitere Streitigkeiten?

Dya. Früh um vier rumort der Dichter-Technologe in der Küche herum, sein Magen knurrt ihm, er will sich belegte Toasts zubereiten, da schrillt die Elfriede aus nicht ganz zwei Metern Entfernung — nur ne dünne Holzwand dazwischen, sie schläft auf einer Bettstatt direkt neben der Küche — mit leidenster Stimme: Er möge verschwinden, sie wolle schlafen, es sei abgesprochen gewesen: Küchennutzung maximal bis zwei! Er sei nicht allein im Döblin-Haus. Unser Freund stapft, mit ungetoastetem Brot und Käse bewaffnet, die Treppe hinauf, ruft leichthin über die Schulter: Sie, Elfriede, auch nicht! Er ist ziemlich verärgert, gar nicht mal über den Inhalt, sondern den keifenden, aggressiv-schwächlichen Tonfall. Er mag es gar nicht, angeschrieen zu werden, insbesondere, wenn es in dünner, hoher Stimmlage geschieht.

Annika. Nun ja. Wenn sie es so abgesprochen hatten — höchstens bis zwei Uhr morgens — dann hätte er das doch schon…

Hikari. Ei, aber! Die Elfriede stellt doch schon Ansprüche. Wieso darf sie über Küchengebrauch bestimmen? Und überhaupt, wieso pennt das Weib nicht im Obergeschoss, wo sie doch noch’n Schlafzimmer hatte?

Zouzou. Mich würde jetzt aber mal interessieren, woran unser Held gearbeitet hat? Nächtelang bis zur Dämmerung — welchen Teil unserer Abenteuer hat er niedergeschrieben, verbessert, komplettiert?

Dya. Geduld, meine Zouzou, Geduld. Wir werden das organisch erfassen, soll heißen: als Teil des dichtertechnologischen Tagesablaufs.

Annika. Tihi, klingt nich unebn: Ein Tag im wewelsflether Leben des Dichter-Technologen! Er steht also, ich nehme mal an, gegen Mittag auf. Zwölf, dreizehn Uhr?

Dya. So ungefähr, ja. In der rechten Hälfte des zweiteiligen Doppelbetts in seinem Schlafzimmer — zwischen Eingang und Arbeitszimmer, rechts gehts zum Bad — räkelt er sich wach, murrt gähnt seufzt kuschelt ein wenig mit sich selbst, schusselt endlich unter die Dusche (die er in wenigen Wochen in einen Shampooflaschenfriedhof verwandelt). Frisiert und fesch treppab in die Küche, Vorräte inspizieren: Was Genüssliches zum Frühstück auffindbar? Wenn nein, rüber in den „Dörpsloden“, dessen Besitzerin ihm im Laufe der Zeit ihre halbe Lebensgeschichte erzählt — und eingekauft. Eierkuchen, Spiegelei mit Speck und Erdnussbuttertoasts, Baguette, schwarzwälder Schinken, Käse, Oliven, Weintrauben, Schokolade —

Hikari. — gnihihi, wir kennen unseren Pappenheimer!

Dya. Bei schönem Wetter im Garten, eventuell im Beisein von Andreas oder Elfriede oder beiden, bei schlechtem am Schreibtisch neben dem Rechner, um während der Mahlzeit DOOM zu spielen oder sich an irgendwelchem Internet-Unfug zu erquicken. Dann, gestärkt gesättigt, wird die tägliche Tüte gedreht — unser Held wird darin behutsam besser, inzwischen sehen die Rauchgeräte schon recht manierlich zylindrisch oder konisch aus und nicht wie mit Industrieschornsteinen kollidierte Zeppeline — [sie saugt am Joint, die Spitze erknistert orangerot, gibt dann die letzten Millimeter weiter an Hikari] — und mit dieser Tüte — zu besonderen Anlässen kreiert er superstarke, die er „Finnegans Bake“ nennt — gehts hinaus ins Wewelsflether Umland, auf einen ausgedehnten Spaziergang, eine Wanderung.

Annika. Ist er da auch fahrradgefahren?

Dya. Ja. Für die Stipendiaten stehen alte [Annika strahlt], klapprige [Annika runzelt die Stirn] Damenräder zur Verfügung. Zu Beginn nutzt unser Held sie nur, um über das Störsperrwerk nach Glückstadt zu donnern, z. B. eine Geschäftsreise, um einen Bleistift einzukaufen, später fährt er auch nach Itzehoe, zum Schluss seines Aufenthalts unternimmt er öfters statt Spaziergängen Radtouren, und verbummelt dabei den Schlüssel zu einem der Fahrradschlösser.

Hikari. Er ist richtig schusselig, oder? Schussliger, verträumter Wolkenkuckucksheimer mit langem Flauschehaar…

Annika. Gnihi, hör mal, Hikari — [versucht, ihre Freundin zu knuffen, diese quiekt und kugelt sich zusammen.]

Zouzou. Jetzt-jetzt. Wir wollen mehr über seinen Tagesablauf lernen.

Annika. Ja, wo ist er denn so hinspaziert? [Hikari, welche einem hemmungslosen Kicheranfall erlegen ist, im Schwitzkasten haltend.]

Dya. [Wartet, bis etwas Ruhe eingekehrt ist und Hikari sich ihren Pullunder übers rosarote Nasenspitzchen gezogen hat, die letzten Pruster filternd.] Am Anfang interessieren ihn natürlich vor allem der Elbdeich und das Kernkraftwerk: Südwärts raus ausm Dorf, Fahrradcumspazierweg parallel zur Hauptstraße, die sich nach einigen hundert Metern gabelt, links übers Sperrwerk nach Glückstadt, rechts gen Brokdorf –

Hikari. — und geradeaus?

Dya. — auch nach Brokdorf, aber auf der Nebenstraße via Hollerwettern, wo unserem Helden der Leuchtturm gefällt, da würde er gern drin hausen! Meist verlässt er die Nebenstraße, um auf den Elbdeich zu klettern, eine lange künstliche Geländewalze, auf der lebende Wollknäuel grasen.

Hikari. Oh, knuddelig! Lämmlein.

Dya. [leicht tantig-pampig] Weißt du, Hikari, Schafe sind aus der Nähe besehen gar nicht so kuschelig und niedlich, wie man denkt: Es sind kräftig pissende, scheißende, schlammschmuddlige, blökende Etwasse, die im Weg rumstehen und sich generell stupide gebärden.

Hikari. Iiiiks! Du bist fies…! [Setzt sich schmollend beiseite. Annika klopft ihr begütigend auf den Kopf.]

Zouzou. Mich wundert immer wieder, dass Schafe und Ziegen genetisch nahezu identisch sind, dennoch endeten die einen als Sinnbild monotheistischer Tugenden, die anderen dürfen ihre Füße und Hörner dem Geist, der stets verneint, zur Vefügung stellen.

Dya. Na, Curiepolitaner und Sapiens unterscheiden sich auch nur um zwei Prozent. Er bahnt sich also den Weg durch grasende Wollhorden nach Brokdorf — das Kraftwerk vor ihm Schritt für Schritt anwachsend: schweigender Gigant aus kalkhellem Beton, traumartig vor dem Sommerhimmel und zugleich unglaublich real. Was wohl die Mehrzahl der Deutschen denkt empfindet, wenn sie an so einer Anlage vorbeispazieren? Furcht Triumph Entsetzen — wahrscheinlich inzwischen — so mutmaßt der Dichter-Technologe — eher eine Art gelangweiltes Unbehagen, was schade ist: Das Thema Kernenergie verliert allmählich sein Provokationspotential, ebenso wie das Thema Anime es um die Jahrtausendwende herum tat, als sich herumsprach, dass es sich mehrheitlich nicht um Pornos, sondern um mehr oder minder kinderprogrammtaugliche Zeichentrickfeuerwerke handelte — sogar die pausewangsche „Wolke“ wurde vor Kurzem manganisiert, hab ich mir sagen lassen, aber verzagt nicht, Curiepolis verfügt dennoch über ordentliche Schockwirkung, diese liegt allerdings inzwischen woanders, hierzu später mehr. Tropischer Dunst steigt dem Dichter-Technologen entgegen, als er an der Wärmesenke steht. Zweitausend Megawatt thermische Energie gehen hier in die Elbe, in der Betonbucht brausts schäumts. Treibhauswärme wie im botanischen Garten, gezogen aus Schwermetallen, die die Energie uralter Sterndetonationen speichern.

Annika. Dieweil befinden die meisten Leute, dass es im täglichen Leben nichts Wunderbares gäbe. Naja, sie müssen eben arbeiten.

Hikari. Und ignorieren das Wunderbare aus Furcht vorm schlechten Trip — so dass es unter einem Vorhang von Langeweile verschwindet.

Dya. Weiter gradaus kommt man nach Brokdorf hinein — ein Wölkchen von Häusern, verstreut an einem Kilometer Landstraße, mit größerem Supermarkt, Bankfiliale, Spaßkreischereibad plus Würstchenbude, prenzlauerbergeskem Soundsocinoladen und einem Hotelrestaurant mit stockhoch gelegener Speiseterrasse: Ausblick auf die offene Nordsee, Küche submittelmäßig. Das Kraftwerk pumpt Zahlungsmittel in die Region wie den Strom ins Netz, einige weitere Kilometer elbab findet man das Schwesterkraftwerk Brunsbüttel — bzw. was noch davon übrig ist: inzwischen außer Betrieb, stattdessen sausen fossil befeuerte Turbinen und die zahllos den Himmel zerschlitzenden Blätter kolossaler Windkraftanlagen verleihen dem Ort etwas Apokalyptisches. Schräg landein führt die Straße nach Sankt Margarethen — vielleicht wurde mal ein Stück Alpen von einem Asteroideneinschlag weggesprengt und kam an der Nordsee wieder runter? — wo unser Held später, bei einer Fahrradtour, eine Currywurst mit Fritten speisen und eine falsche Antwort auf die Frage nach dem geografischen Ursprung von Sambuca geben wird. Nun marschiert er erstmal ums Kraftwerk herum. Wassergraben wie bei manchen mittelalterlichen Burgen, dahinter Zaun mit Stacheldraht, das elbwärtige Werkstor ist mit stählernen, schräg aus dem Boden ragenden Stacheln gesichtert! Hier wird wohl der Brennstoff angeliefert, Behälter mit bestrahlten Brennelementen entnommen. Elbe und Deich schützen das Kraftwerk vor Flugzeugabstürzen nach Südwesten hin, zwo Waldstücke nach Nordwest und Südost, Hochspannungsleitungen — und, belustigenderweise, einige Windkraftanlagen — nach Nordost — das findet der Dichter-Technologe bemerkens-, ja bewundernswert, selbst wenn es sich nur um eine Reaktion auf übertriebene Sicherheitsbedenken handelt, elegante Lösung für ein nicht wirklich relevantes Problem. Sauber und still ist das Kraftwerk, technikbaukastenartige Ästhetik — leicht gebrochen vom Mooshauch auf der Reaktorkuppel -, kaum ein Mensch zu sehen. Fast unglaublich, dass hier vierzehnhundert Megawatt ins Netz gehen. Das landwärtige Werkstor ist eine offene Durchfahrt zu einem Parkplatz plus Bushaltestelle, dahinter, jenseits eines zweiten Wassergrabens, geht die Schleuse ins Innere der Anlage. Wie ihr schon wisst, unterhält unser Freund zwei herbeieilende Kontrollettis mit einem Spontanvortrag über Kernkraftwerke vierter Generation.

Annika. Hat er auch von unseren curiepolitanischen Neutronen-Lasern gesprochen — Kettenreaktion in Bose-Einstein-Kondensaten?

Dya. Nu, ich denk mal, ihm war klar, dass er so schon einen ziemlich — sagen wir: halluzinogenen Eindruck auf die Sicherheitskameraden machte, denke, er wollte es lieber nicht auf die Spitze treiben.

Zouzou. Was hat er in entgegengesetzter Richtung entdeckt, störauf?

Dya. Geradewegs aus dem Vordereingang vom Döblin-Haus raus: da kommt man zum Hafen. Gelbe Kranriesen, kilometerweit, bis Brokdorf Beidenfleth sichtbar, erheben sich über dem Werksgelände der Peterschen Werft, wo Schiffe bis hin zu Fregatten der Bundesmarine repariert werden — ab und zu traben Soldaten durchs Dorf. An einem metallnen Schwimmponton liegen Yachten. Unheimlich ists, hier nachts bei Dunkelheit auf schwankendem Grund umherzustreifen, gluckernd strömendes Wasser nur Dezimeter entfernt: je nach Weyltensor fließt die Stör zeitweilig rückwärts, landauf, was den Dichter-Technologen nicht übel beeindruckt. Links entlang des Stördeichs begegnet man einer größeren Autofähre, die die ganze Zeit über reglos vertäut auf etwas zu warten scheint, zuweilen laufen die Dieselmotoren. Unser Held begrüßt das Schiff, für das er Sympathie empfindet — friedlich und massig wie eine grasende Kuh -, mit Hanfrauchsalut.

Annika. Er hat innerhalb des Dorfs gekifft? „Der Liebe Gott weiß alles, der Nachbar weiß mehr“ — gute alte Landregel. Er baute wohl auf Toleranz der Bevölkerung gegenüber strubbeligen Stipendiaten?

Dya. Anfangs hat er noch mehr oder minder drauf geachtet, nicht gesehen zu werden — entweder außerhalb fernab aller Häuser, oder immerhin an schwer einsichtigen Orten wie dem unwegsamen Gelände zwischen Deich und Ankerpunkt der Fähre… später ist er auch mit der Tüte in’n Fingern um die Häuser geschlendert: Diejenigen, die Drogen als Vorboten der Hippiekalypse sehen, werden Geruch und Form eh nicht erkennen, jene, die Drogen als Vorboten der Hippiekalypse sehen und letztere charmant finden, werden ohnehin sympathisieren — so überlegte er wohl (wenn er denn überhaupt darüber nachdachte). Landwärts vom Stördeich Einfamilienhäuser in lockeren Kolonnen, unter diesen gefällt dem Dichter-Technologen eines mit seeblauer Holzverschalung. Später wird er einige Bewohner der Häuser kennenlernen. Störauf spaziert es sich leicht bis Beidenfleth, wo die letzte Seilfähre Schleswig-Holsteins in Betrieb ist.

1024px-Störfähre_Else_NIK_0671.JPG

Quelle

Hikari. Heißt das, sie wird an einem Seil hinübergezogen, wie die Kabinen einer Gondelbahn?

Dya. Fast. Sie bewegt sich aus eigener Kraft, eine schwimmende Plattform mit Dieselmotor, der keinen Schiffspropeller, sondern ein Ziehwerk treibt, mit dem die Fähre sich gewissermaßen am Seil entlanghangelt. Diese Fährverbindung wird als „Tor zu Itzehoe“ — und damit zur Zukunft des Curiepolis-Projektes — in die dichtertechnologische Geschichte eingehen. Von Beidenfleth kann man schnell, aber mäßig behaglich auf dem Parallelweg zur Landstraße nach Wewelsfleth zurückwandern — immer auf die gelben Kräne zu -, oder man macht einen gewaltigen Bogen, zwischen Bauernhöfen, Hochspannungsleitungen, Windkraftriesen hindurch gen Brokdorf — Krafkwerkskuppel voraus am Horizont, halb Bergmassiv, halb Wolkenformation -, unterwegs zweigt die Feldstraße nach Wewelsfleth linkerhand ab. Man kommt an der Wiese heraus, auf der unser Freund am Ankunftstag das Kraftwerk begrüßte. Hier, in einer Straße, die sich etwas unbehaglich „Am Dorfrand“ nennt, wohnt ein Grüppchen syrischer Flüchtlinge in einem kasernenartigen Gebäude, den plattdüütschen Gruß „Moin!“ beherrschen sie bereits. Vielleicht denken sie, dass das in ganz Deutschland die übliche Grußformel sei.

Annika. Man sieht, er hat die Landschaft um seinen neuen Schaffensort in höchstem Detail erforscht. Wie lang war er da tagtäglich unterwegs?

Dya. Wenn er wieder das Döblin-Haus erreicht, ist die Wirkung des kräftigen Joints, den er unterwegs geraucht hat, vom gedankenbrausenden Peak abgeklungen zu einem Gefühl allertiefster, unerschütterlicher Ruhe: Zwo-drei Stunden, er streift kilometerweit umher. Die endlose, flache, stille Landschaft, dunstblaue Weite des Himmels — er spürt ungeheure Freiheit, ein abenteuerliches, verspieltes, aufregendes Gefühl von überwältigender Wucht. Er erlangt zum ersten Mal dauerhaft Kontrolle über sein Nervensystem, er ist „Kybernetiker“, d.h. Steuermann — so, wie die Kapitäne der auf der Elbe hamburg- oder meerwärts stampfenden Kolosse ihr Fahrzeug nach einem bestimmten Plan in eine bestimmte Richtung navigieren, sieht er den Aufbau der eigenen Gedanken und Gefühle als Satellitenbild vor sich und kann wählen, welche neurale Struktur aktiviert werden soll.

Hikari. Der Dichter-Technologe ist der Erste, der diesen Aspekt der ektropen Philosophie betrachtet!

Dya. Timothy Leary hatte einige krude Vorstellungen, die in diese Richtung gingen, doch er kam nicht besonders weit darüber hinaus, Schlagwörter wie „Info-„, „Bio-„, „Quanten-“ ezettera vorne an Begriffe dranzuhängen. Sein wichtigster Beitrag zum Ektropismus ist letztlich die Popularisierung des Konzeptes mit griffigen Metaphern und Bildern wie der „SMI²LE“-Formel. Unser Freund geht mit seiner Neuro-Gluonik viel weiter und stellt das Ganze auf eine solide philosophische Grundlage, wobei ihm seine Kenntnisse in Astrophysik und Kerntechnik sehr zupass kommen.

Hikari. Nicht zu vergessen nutzt er den Ektropismus als Treibstoff für einen Roman — unsere Geschichte, die auf den Gipfeln der Hochliteratur zuhause ist!

Dya. Manchmal frage ich mich: Wenn sein Ziel ist, unsere Philosophie zu verbreiten — sollte er dann nicht eine leichter zugängliche Form wählen? Er veranstaltet sprachliches Feuerwerk von der ersten Seite an, so dass man fast den Eindruck bekommt, er will den Ektropismus zu einer Geheimlehre machen.

Annika. Ist doch klar — die Leserin soll ja lernen, ihr eigenes Nervensystem zu steuern: Dazu nutzt er eine Art „literarische Psycholyse“ — der ultimative Trip in Buchform!

Dya. Je nun — die Schwierigkeit wird darin bestehen, Menschen dazu zu bringen, sich auf diesen Trip einzulassen.

Zouzou. Curiepolis ist sein persönliches Geschenk an die Menschheit. Es ist hundertprozentig Fabian Herrmann, es ist ihm wichtig, all seine Ideen, Phantasien und Einfälle hineinzustecken, dazu gehört, denke ich, auch das Sprachfeuerwerk. Er ist sich bewusst, dass es schwierig ist, Fans zu gewinnen — aber diese Schwierigkeit ist ein Teil des Kunstwerks. Eines kann ihm niemand vorwerfen: Dass er Mühe scheuen und leichte Wege wählen würde. Der ganze Sinn von Curiepolis besteht darin, Tausend Prozent zu geben, in allen Aspekten des Kunstwerks, sprachlich, grafisch, technologisch, populistisch.

Hikari. Oooh!

Dya. Zweifellos. In einigen Monaten wird ihm der kühle Wind seines Alles-oder-nix-Ansatzes um die Nase pfeifen. Vorerst genießt ers, durch Wiesen, Weiden, Marschen zu streifen, das angenehme, warme Tosen des Tetrahydrocannabinols in allen Nervenfasern, zu spüren, wie seine Gedanken flüssig und beweglich werden und in die Tiefe des Himmels aufsteigen. Er durchdenkt den Ektropismus von allen Seiten — ontologisch, psychologisch, sozial, ökonomisch, politisch, ästhetisch -, folgt einem Regenbogen über eine Weide, {der Kapitalismus muss fliegen lernen}, überlegt er, {leicht muss der Kapitalismus werden, so leicht, dass er zu den Sternen aufsteigen kann. Wenn die jährliche Arbeitsdauer, die erforderlich ist, um den Grundbedarf eines Menschen zu erwirtschaften, auf wenige Stunden gesunken ist, dann werden Zahlungsmittel zum Auslaufmodell, und der Kapitalismus hebt ab.} Kühe schauen ihm neugierig nach, folgen ihm, am Zaun entlangtrottend, oft minutenlang. Sie gefallen ihm viel besser als die einfältigen, schmuddeligen Schafe. Intelligentes, lebhaftes Fleckvieh, in brüllendem Sopran muhend — die Kühe rund um Wewelsfleth haben auffallend hohe Stimmen, eher ein schmetterndes „Möööh!“ als das sonore „Muh!“, das man landläufig mit Kühen assoziiert. Auf dem Vorplatz eines Bauernhofs sieht er eine kalbende Kuh, das Tier liegt starr auf der Seite, das Kalb halb herausgepresst. Einige Tage später entdeckt er die frischgebackene Mutter in einem Spezialstall, wo sie stolz ihr gesundes Kälbchen leckt. Besonders genießt er den Blick in den Himmel: Stahlblau sprühendes Licht, unter dessen Intensität die sogenannte Realität durchlässig wie Gaze, das Reich des Unvorstellbaren vorstell- und erfahrbar wird. Man kann leben, ohne auf irgendwen oder irgendwas zornig zu sein — zusammengepresste Backenzahnreihen lösen sich voneinander, Gesichtsmuskeln werden weich, inneres äußeres Lächeln. Freundliche Welt, in der man entspannt arbeiten kann. Sobald er wieder zuhause ist — denn das Döblin-Haus ist nicht nur faktisch — dank Aufgabe der berliner Wohnung — sondern auch emotional sein neues Zuhause -, schnappt er sich etwas zu essen, dann setzt er sich an den Rechner, bereit für eine lange, glühende Arbeitsnacht.

Annika. Der Mini-Demonstrator!

Dya. Er möchte den Literaturfans der Welt etwas in die Hand drücken können: Schaut mal, so wird es aussehen! Die ersten acht Kapitel — vierzig Seiten zirka — sollen gedruckt werden, im Design des fertigen Buchs, komplett illustriert, gesetzt, gestaltet, wozu er selbstgeschriebene Software einsetzt. An dem Buch soll kein Pixel sein, der nicht persönlich vom Dichter-Technologen abgenickt wurde! Ein quadratisches Format wählt er, in Bildpuffer von dreitausend mal dreitausend Pixeln werden seine Processing-Algorithmen die Seiten hineinmalen. Zuvor heißt es, einen Font designen, einen speziellen Curiepolis-Font von unverkennbarem Aussehen, der sich dennoch leicht lesen lässt: keine leichte Aufgabe.

Zouzou. …und zeigt allen fertig einsetzbaren Fonteditoren die kalte Schulter!

Annika. Rechner programmieren statt Rechner benutzen! Grundkonzept curiepolitanischer Datenverarbeitung.

Dya. In diesem Fall greift unser Freund sogar anfänglich zu Papier, Filzstift, Wasserfarben, Scanner. Malt Buchstaben, Zahlen, Satzzeichen, scannt sie, schneidet sie mit GIMP sorgsam aus, füttert sie in das Seitenmalprogramm, das er nach dem angestrebten Endprodukt „Mini-Demonstrator“ genannt hat. Eine erste Testseite entsteht und läuft aus dem döblinhauseigenen Drucker, den mal Elfriede Fröhlich, mal der Dichter-Technologe verwendet — wozu das Gerät jeweils vom einen auf den anderen Schreibtisch umzieht.

Annika. Ah! — ich ahne…

Dya. Hehe, kommen wir noch dazu. Andreas Baum betrachtet den Testdruck mit Interesse, das krakelige Aussehen der Schrift spricht ihn an. Doch unser Freund ist mit dem Ergebnis mäßig zufrieden. Er liest Webseiten über Schriftdesign, arbeitet mit bleistiftgezeichneten Rastern, um die Typen ebenmäßiger erscheinen zu lassen — entwirft mehrere Schriftbilder: bald stapeln sich mit schwarzen Lettern bemalte Blätter im Arbeitszimmer, eines davon einer Frakturschrift ähnlich — soll doch den Deutschen endlich ein für alle mal klar werden, dass Fraktur mit dem Nationalsozialismus soviel zu tun hat wie Eugenetik mit Eugenik -, aber keine Variante vermag ihn zu überzeugen. Etwas verkürzt gesagt — entweder, das Schriftbild ist leicht lesbar, aber hässlich, oder ästhetisch originell, aber unleserlich. Er weiß, dass bereits die sprachlich-inhaltliche Hürde für die Mehrzahl der Leserinnen beträchtlich ist, da will er nicht noch eine optische Hürde aufbauen — Designs und Illustrationen sollen einladen dazu, sich das Buch anzuschauen, vielleicht sogar eine zweite Fanbase ins Boot holen, fokussiert auf visuelle Curiepolis-Kunst. Ein weiteres Problem entsteht durch die Unmöglichkeit, Pixelgrafiken stetig zu vergrößern — dem Dichter-Technologen wird klar, dass er einen Vektorfont benötigt. Die Beschäftigung mit handgemachten Fonts sieht er nicht als Zeitverschwendung an, er bedauert nichts: das war ein notwendiger, experimenteller Schritt. Nun programmiert er einen Font-Editor, mit Tastenbefehlen lassen sich Linienbündel in einem Koordinatengitter arrangieren — einfacher, effektvoller Weg, interessante Buchstabenformen zu erzeugen. Die Tests verlaufen vielversprechend. Er geht daran, das Mini-Demonstrator-Programm auszubauen, so dass Texte im Blocksatz gedruckt und Illustrationen eingefügt werden können.

Hikari. Er hat viele neue Bilder von Annika gemalt, oder? Annika, wie findest du die?

Annika. Hümm — [Nasenspitze errosat] — nu, das mit dem Eichhörnchen ist süß.

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Dya. — jenes, das unserem Helden gehüsterte Augenbrauen und den skeptisch-herablassenden Spruch {Da haben Sie sich also ein Eichhörnchen gemalt!} von Elfriedes jüngerer Freundin, aus Berlin zu Besuch gekommen, einbringt — was ihn nicht nennenswert ergrimmt, mit der Freundin versteht er sich ausgezeichnet —

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Annika. Der Trödelladenbesitzer ist gut getroffen, auch wenn die Anatomie etwas klumpatschig wirkt. Nebbichingen bei Nacht — hat was, wie er die Sätze in die Häuser hineingebastelt hat —

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Dya. Ja, darauf ist er besonders stolz. Auf das Design, wie auch auf den Text an sich, der ist ein wewelsflether Produkt, entstanden im Rahmen des Mini-Demonstrator-Experiments.

Hikari. Das ist so süß, wie Annika da traurig an der Laterne lehnt!

Annika. Oh, so traurig bin ich da gar nicht — nur bissel wehmürrisch! Hihi, es ist doch irgendwie seltsam, wenn man von einem Schriftsteller aus einer anderen Realität gewissermaßen — gechannelt wird. [Nasenspitze sonnenuntergänglichst.]

Zouzou. Aber eine kosmologische Notwendigkeit: Peh gleich eins. Auch der Dichter-Technologe muss damit leben, dass unendlich viele Autorinnen auf unendlich vielen Planeten in unendlich vielen Raumzeitmannigfaltigkeiten sein Lebens detailgetreu beschreiben.

Dya. Wir Curiepolitaner sind die ersten Wesen auf der Erde, die solche Schlussfolgerungen akzeptieren können, ohne wahnsinnig zu werden oder in Religion Zuflucht zu suchen. Unser Freund — präziser: die unendlich große Menge aller Dichter-Technologen im Multiversum, von denen jeder in einem Dorf namens Wewelsfleth auf einem Planeten namens Erde an einem Roman namens Curiepolis arbeitet! — nimmt sich also den Anfang des ersten Bandes vor, die Hinterföhren-Sequenz, die deine Herkunft, Annika, behandelt — unterzieht sie der bisher kritischsten und gründlichsten Überarbeitung, um sie minidemonstratorfähig zu machen. Endlich findet er nichts mehr an den Texten zu bemängeln, Seite um Seite wird als große .png-Datei hergestellt und mit dem Döblindrucker probeweise aufs Papier gebannt. Der Dichter-Technologe ist intensiv zugange. Frühstück, Spaziergang im Gras, Nachmittagsstück, Mini-Demonstrator, Nachtspaziergang, Nachtimbiss, schlafen — Zettelstraummodus. Elfriedes Stimme wie von sehr weit weg: Sie müsse auch etwas drucken. Unten im Garten steht sie, ruft hinauf zum Dichter-Technologen, der weder sein Haar noch den Drucker herablässt, sondern eher geistesabwesend brummt, sie möge es ihm bitte auf Flash-Stick oder als Email schicken, er werde es dann sofort ausdrucken. Er möchte gern hilfreich sein, aber seine Aufmerksamkeit ist ganz woanders.

Annika. Oh-oh-oh. Ich fürchte, ich weiß schon, was gleich –

Dya. [mit schrill zeternder Stimme Theater spielend] GIB MIR DEN DRUCKER! GIIIEB MIIIER DEN DRUCKER!! IIIIIIIKK!!! [Mit normaler Stimme:] Zwei Uhr morgens oder so. Wie die selige Mutter Macbetten steht Elfriede Fröhlich — Greisin im Nachthemd — im Treppenhaus und dreht durch. Kreischt wimmert schrillt nach dem Drucker, als obs ihr an die Gurgel ginge. Der Dichter-Technologe steht ratlos dabei, spürt einen wachsenden Knoten von Wut im Magen — er hilft doch immer gern, hat der alten Dame sogar seine Ausgabe von Zettel’s Traum ausgeliehen, hat den ganzen Tag auf den USB-Stick oder die Email gewartet, gern hätte etwas für Elfriede gedruckt — nun wird er angeschrien. Das geht nicht. {Ich bin von Verhaltensgestörten umgeben!} faucht er, obwohl es sich nur um eine einzige Person handelt, die das Schlossgespenst mimt. Er drückt ihr den Drucker in die Hände, wirft das Kabel darüber, schmettert die Tür zu seinem Arbeitszimmer zu. Er glaubt sich im Irrenhaus, muss aber weiterarbeiten. Der Mini-Demonstrator braucht ihn.

Hikari. Hilfe! Der arme Mensch!

Zouzou. Wenn er Gothic Horror schreiben würde, hätte er ja eine tolle Inspirationsquelle gefunden. Er muss gedacht haben, er ist in einen Gruselfilm gestolpert.

Annika. Kann es sein, dass die Elfriede gerade in einer schweren seelischen Krise steckte? Ich kann bissel verstehen, dass sie ihre Texte — das waren ja vielleicht sehr persönliche Texte — nicht via Email oder Stick herumreichen wollte — hat vielleicht gefürchtet, der Dichter-Technologe steckt sein neugieriges Näschen hinein. Allerdings — so ne Schlossgespenstnummer, das ist schon etwas — naja. Da war doch sicher irgendwas, etwas mit ihrem Mann, oder?

Dya. Ja, das erfährt der Dichter-Technologe erst ganz zum Schluss: Elfriedes Mann ist im Krankenhaus gestorben.

Annika. Klar. Es ist schrecklich, wenn ein geliebter Mensch aufhört, zu existieren — [leise] zur Entropie geht. Wie soll man da nicht durchdrehen.

Hikari. [vorsichtig] Ich finde dennoch, sie hätte einen Tick mehr Selbstbeherrschung walten lassen sollen.

Zouzou. Wenn ich mich richtig entsinne — zuerst war sie überschwänglich freundlich, demütig nahezu…

Dya. Ja. Überhäufte den Dichter-Technologen mit Aufmerksamkeit und Leckereien — Vanilleeis mit Sanddornsaft, fand er nich unebn, obwohl ihm dabei bereits gruselte, insbesondere, da Elfriede es sich zugleich herausnahm, sein Verhalten dauernd zurechtzustutzen — als er, an seinem neununddreißigsten Geburtstag übrigens, von einer Fahrradfahrt nach Glückstadt zurückkehrt — dreißig Grad im Schatten, er steigt klatschnass vom Drahtross — und sich erschöpft zu Andreas Baum in den Garten setzt, kommt Elfriede hinzu, rümpft die Nase, lautstark: {Du riechst nach Schweiß! Musst sofort duschen.}

Hikari. Bekomme den Eindruck, sie sah irgendwie ein Adoptivkind in ihm…

Zouzou. Vielleicht Adoptivkind, vielleicht phantasierte sie von einem jugendlichen Liebhaber, der sich zum Traumprinzen und Butler zugleich umerziehen ließe. Was klar ist: Die alte Dame suchte Geborgenheit — ihr Mann in den letzten Zügen, da fürchtete sie sich, fühlte sich einsam, suchte Nähe und Schutz. Mit Andreas Baum hatte sie, nachdem er ihre Umquartierungspläne durchkreuzt hatte, gebrochen — so blieb nur der Dichter-Technologe. Ruhiger Riese mit wolligem Haar — das fand die Elfriede anheimelnd, bei ihm suchte sie Nestwärme. Die er nicht liefern wollte und konnte — prompt drehte sie durch.

[Die vier schweigen nachdenklich. Zouzou beginnt, einen neuen Joint zu rollen, sportlich auf dem Oberschenkel des angewinkelten linken Beins.]

Annika. Der Mini-Demonstrator ist nun also fertig! Wie gehts weiter?

[Zouzou betrachtet ihr Werk prüfend, leckt noch einmal sorgsam mit himbeerrauher Zungenspitze über die Klebenaht, zündet dann an und zieht tiefgenüsslich.]

Dya. Nach Überarbeiten, Durchlesen, erneutem Überarbeiten, minutiösem Gestalten und Umgestalten jeder Seite — am Ende einer langen Nacht tritt er wie schwebend auf silbrigen Wolken in den schwülen Sommermorgen. Schnappt sich das Fahrrad, im Rucksack sicherheitshalber der Rechner: man weiß ja nie? irgendwelche Lastminuteänderungen nötig? Zuerst zum Bäcker, Schokocroissant zum Aufdiehandfrühstück. Dann um hundertachtzig Grad wenden, störaufwärts gen Mitternacht, und solide in die Pedale! Auf nach Itzehoe, wo es, Google Earth zufolge, einen Druckshop geben soll. Der Mini-Demonstrator ist auf dem Weg, das Licht der Welt zu erblicken. Zum ersten Mal benutzt er die Fähre in Beidenfleth, auf dem Deck watschelt eine Entenfamilie herum, verschwitzt-vergnügt begrüßt er die Fährfrau. Während der Überfahrt schmaust er sein Croissant. Weiter nach Nordosten, hinein in die schleswigholsteinische Ebene: Krempermoor Kremperheide Breitenburg — auf Fahrradwegen parallel zu Durchgangsstraßen, Einfamilienhäuser, Kleinbetriebe, endlich auch Brücken, mehrgeschossige Wohnhäufer, mittlere Industrie, Parkplätze Fastfoodbratereien Einkaufszentren — die Einöde bevölkert sich, Itzehoe, von dem er später erfahren wird, dass es sich um eine sogenannte „Mittelstadt“ handelt — zwischen Klein- und Großstadt — wächst behutsam aus den Wiesen, und der Dichter-Technologe spürt eine gewaltige Triebkraft, laserartig fokussiertes Glühen, das ihn vorwärtsschleudert. Diese Kraft, diese unvorstellbare Wucht von Willen verknüpft mit Phantasie und ekstatischem Glück, die hat er zum letzten Mal gespürt als Jugendlicher, als ihm bewusst wurde: da draußen liegt eine abenteuerliche Welt! Jahrelang hat er nach dem Eingang zu dieser Welt gesucht. Durch das Studium der Naturwissenschaft, der klassischen Literatur. Im Zeitalter von Curiepolis ist ihm klargeworden: Der Schlüssel liegt in der Kontrolle über das eigene Nervensystem.

Annika. Die er nun gewonnen hat! [Sie nimmt den Joint von Zouzou, zieht mit geschlossenen Augen, Rauch aus erhobenem Näschen ausstoßend.]

Dya. Ob die endgültig gewonnen werden kann? Es liegt in der Natur der Sache, dass das ein laufender Prozess ist, ein intensiver neuronaler Lern- und Umstrukturierungsprozess. Während er auf dem Fahrrad dahinfliegt [Annika schaut verträumt], spürt er nicht nur den Status quo — dieser bereits gigaparsecentfernt von seinem inneren Zustand im, sagen wir, Jahr Zwotausendzwölf -, sondern merkt vor allem, welches Potential vor ihm liegt. Wer sein Nervensystem beherrscht, dem steht die Welt offen. Sein Hemd ist klatschnass vom Schweiß, selbst das Rucksackinnere wird klamm — er fürchtet sogar ein wenig, sein Rechner könne Schaden nehmen — doch er ist fast schon am Ziel. Überquert die Stör erneut, auf einer Brücke diesmal, kurvt dann ein wenig durch das weitläufige Itzehoe — eine Häuserherde verstreut in der Ebene, wie viele nördliche Städte -, auf der Suche nach dem Stadtzentrum. Fragt sich zum Bahnhof durch, wo er das Fahrrad an ein Regenrohr anschließt. Zu Fuß zum Druckshop: ein Paketversandbüro mit zusätzlichem Druckservice. .png-Dateien? Damit könne man hier nicht arbeiten. Der Dichter-Technologe wundert sich: In Berlin hat er in Druckshops schon .pngs ausdrucken lassen. Nu, wirklich professionell sieht der itzehoer Laden auch nicht aus. Besser mit dem Zug nach Hamburg, dort ist man sicher besser ausgestattet. Im Wagen öffnet er seinen immer noch schweißfeuchten Rucksack, holt den Rechner zum Trocknen heraus und sieht noch einmal die Mini-Demonstrator-Seiten durch — hm-hm, diese-jene Formulierung… könnte man noch was machen…? Egal jetzt! Kleinigkeiten findet man noch nach Jahren. Das Werk ist bereit zum Druck. Von Altona mit dem Bus zu einer Straße, von der er weiß, dass es dort einen Druckshop gibt — .png-Bilder? Unsere Produktionsmaschine schluckt nur .pdfs!

Annika. Au Backe. Er hat unterwegs gemerkt, dass er ein ungünstiges Dateiformat gewählt hat. [Reicht die Tüte weiter an Hikari.]

Dya. Es dämmert ihm. In einem Café versucht er sich eigenhändig an der Konversion, aber die Ergebnisse scheinen ihm nicht hinreichend hochauflösend. Also die Stadt absuchen nach einer Firma, die in der Lage und gewillt ist, von .pngs zu drucken. Mittels Internetcafé — manchmal vermisst er doch irgendwie ein Smartphone! — findet er eine etwas außerhalb, im Westen der Stadt gelegene Druckerei, wo man freundlich auf seine Anfrage reagiert. Ja, das ließe sich machen. Er fährt dorthin — die Firma befindet sich in einem ziegelgemauerten Innenhof. Fast fühlt er sich ein wenig an Berlin erinnert, doch die Müllhaufen, Grafitti, leerstehenden Gebäude, Brachflächen, Halbruinen fehlen — Hamburg ist sauber, aufgeräumt, Handel und Wohlstand statt psychedelisches Chaos — der Dichter-Technologe hat Berlin lieben gelernt, doch die hamburger Atmosphäre hat eine eigene, belebende Wirkung auf ihn. Man überträgt die Dateien von seinem USB-Stick auf die Firmenrechner, fertigt einige Probedrucke an: Ja, genau so soll es aussehen! Bitte sieben Exemplare. Sehr gerne, in einigen Tagen — vermutlich jedoch morgen — werde man fertig sein, wohin die Sendung gehen solle? Der Dichter-Technologe nennt die Adresse des Döblin-Hauses, verlässt guter Dinge die Druckerei — da kommt die Müdigkeit. Seit über vierundzwanzig Stunden ohne Schlaf! Er sieht ein Hotel.

Hikari. Hat sich den Luxus einer Übernachtung in Hamburg gegönnt. Na, mehr als wohlverdient! [Der Joint ist zwischen ihren Fingern erloschen. Annika reicht ihr ein Feuerzeug, sie brennt erneut an, betrachtet verträumt die Glimmspitze und raucht dann in ganz vielen kleinen Zügen, Wölkchen hauchend.]

Dya. Sogar ein Raucherzimmer bekommt er. Und, was er immer sehr schätzt: Ein schmackiges Frühstücksbuffet! Am nächsten Tag holt er die fertigen Demonstratoren persönlich in der Druckerei ab. Mit dem Zug zurück nach Glückstadt, wo das Fahrrad noch brav am Regenrohr wartet. Auf nach Südwesten. Mit Begeisterung lässt er die Pedale sausen, jagt über Land wie ein Windstoß. Von der Elbmündung her wälzt sichs bleigrau heran: Brodelndes Gewölk, in dems flackert, rumort — die Sommerhitze hat sich eine Gewitterfront ausgebrütet, aus der Böen kühler Luft fahren, gesättigt mit dem Geruch von Regen. Wird ers schaffen? Zur Not irgendwo unterstehen — vierzig Minuten braucht man zirka für die Strecke Itzehoe-Wewelsfleth. Am Ortsausgang Krempermoor bleibt er stehen, steigt ab: Noch nie hat er ein Gewitter derart drohend anrollen sehen! Schwarzgrüne Wolkenfetzen strudeln träge vor der steingrauen Hauptmasse des Cumulonimbus, in der unablässig Blitze lodern. Der Weg führt mitten hinein ins Gewitter — da heißts, zurück zur Eisenbahn! Er erreicht das Unterstellhäuschen des Haltepunkts, die Wolken bersten. Die Luft wird zum Meer. Endlose, silberne Schwaden von Wasser, alles versinkt in Gischt. Ein Teenagerpärchen kommt angerannt, beginnt, unter dem Dach des Häuschens zu knutschen, was der Dichter-Technologe mental abnickt: Dafür ist Regen doch irgendwie da. Ins Trommeln der Tropfen mischt sich scharfes Hagelstakkato. Taubeneigroße Eisbälle sausen, prasseln, springen. Der Mini-Demonstrator ist fertig, der Dürresommer zweitausendachtzehn wird weggefegt von einem spektakulären Wolkenbruch!

Hikari. Oooh. Das — ist so beethovenartig! Wie er sein Gehör durch den Donner wiedererhalten und aus Dankbarkeit die Pastorale komponiert hat. Unser Held hat Kontrolle über sein Nervensystem erlangt — die Atmosphäre freut sich mit ihm, feiert den Tag mit Blitzfeuerwerk und Trommelwirbel!

Annika. Ja, es muss wunderschön gewesen sein!

Dya. War es. Als das Gewitter weiterzieht, kommt der Zug, den er mitsamt Fahrrad besteigt. Nach Glückstadt. Zum ersten Mal seit Wochen ist die Luft angenehm kühl. Der Dichter-Technologe fährt durch Pfützen, die den Abendhimmel spiegeln. Am Deich entlang zum Störsperrwerk, die Sonne dringt durch die zerfließenden Wolken, goldne Glut fällt auf das nässeschimmernde Land. Im Triumph zurück nach Wewelsfleth! Er hat sein Ziel erreicht: Die ersten acht Kapitel als fertiges Mini-Buch, das man den Leuten zeigen kann — hier, schaut einmal, so wird das aussehen. Hikari, gib mal. [Hikari reicht ihr das letzte Stückchen Joint, welches Dya in einem Zug wegknuspert.]

Annika. Das herrlichste, zu dem Menschen fähig sind: Kreation. Neues schaffen, Entropie vertreiben. Das Universum besser, komplexer, aufregender machen.

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Autor: Curiepolis

Dichter-Technologe

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